Lange Zeit war es still um Hörspiel-Produzent Volker Sassenberg, der sich insbesondere mit seinen Serien Point Whitmark und Gabriel Burns einen Namen gemacht hat. Bei einem netten Telefonat hat er sich bereit erklärt, Rede und Antwort zu stehen, und so hat mich Volker ins nordrhein-westfälischen Fröndenberg eingeladen wo wir uns Anfang April getroffen und ein langes Gespräch geführt haben.

Wer Lust hat, einiges über seine letzten Jahre und seine Zukunftspläne zu erfahren, kann dies nun in diesem Interview tun.

Danke, dass du dir die Zeit genommen und dich bereit erklärt hast, dieses Interview zu machen. Es war ja relativ ruhig um dich, um deine Person und um deine Hörspiele. Was hast du denn in den letzten drei Jahren seit der letzten Gabriel Burns Folge gemacht?

Also zuerst mal: Hallo, ich lebe noch. Ich habe mich zwischendurch um andere Dinge gekümmert. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen seltsam, aber ich war ein klein wenig erschöpft - das ist ja doch manchmal schon ein bisschen wie eine Tretmühle :-), in der man da mit den ganzen Hörspielen ist. Wir machen das ja nicht so, dass wir irgendwelche fertigen Stoffe weiterverarbeiten, sondern wir denken uns das ja auch erst mal alles aus. Sowohl die Konzepte als auch die Geschichten und so weiter. Das ist schon ziemlich aufwendig. Ich hab mir selber mal so einen Qualitätsrahmen gesetzt unter dem ich manchmal selbst etwas leide. Ich könnte es mir auch etwas einfach machen, aber so bin ich nun mal. Ich habe nie darauf geschielt, viel zu veröffentlichen. Ich wollte, dass alles zumindest in meinen Augen einem gewissen Standard entspricht. Und das Wichtigste ist, dass ich meinen Spaß daran habe.

Das ist ja erst mal nichts Verwerfliches.

Absolut nicht. Die Erschöpfung, das war das eine, und das andere war, dass ich auch über einige Dinge in den vergangenen Jahren ziemlich enttäuscht war. Das fing damals schon an mit dem Rechtsstreit mit Universal, der sich sehr lange hingezogen hat. Das ist eben ein riesengroßer Weltkonzert und verfügt über unglaubliche Mittel, über die ich nicht verfüge. Da wird dann an allen Ecken und Enden verzögert, und so sind dann auch die Jahre ins Land gezogen, was mich schon mal einigermaßen genervt hat. Okay … letztendlich ist es dann zu meinen Gunsten ausgegangen. Für so eine Firma sind das Peanuts, für mich ist das existenziell. Wie so mit Künstlern umgesprungen wird, jede Taktik angewendet wird, um sich einen Vorteil zu verschaffen, das mag unter geschäftigen Gesichtspunkten okay sein. Wenn man jedoch bedenkt, dass diese Firmen doch eigentlich vom Ideenreichtum und dem Enthusiasmus ihrer Vertragspartner leben - dann ist das ein Pferd, das auch irgendwann mal zusammenbrechen könnte. Niemand weiß, wie sich der Tonträgerindustrie entwickelt. Vielleicht läuft es darauf hinaus, dass Plattenfirmen irgendwann überhaupt nicht mehr benötigt werden.

Worüber habt ihr euch denn gestritten?

Es ging es um alles mögliche … z.B. auch um Abrechnungen. usw. … Da sind mir einige Dinge aufgefallen … Sie haben mich dann auch gehen lassen, irgendwann nachdem ich dann lange genug zugebissen hatte ;-). Dazu kam dann noch, dass ein langjähriger Mitarbeiter die Firma verlassen hat. Was ich zu der Zeit nicht wusste, war dass er verbotenerweise unser Herzstück von hier mitgenommen hat, nämlich unser ganzes Geräuschearchiv. Alles, was der heute macht, basiert letztens auf Investitionen und Arbeit, die ich hier getätigt habe - letzten Endes hat er die Sachen gestohlen. Das ist auch polizeilich bekannt, und das hat mich ehrlich gesagt sehr enttäuscht. Ein Mann, der hier jeden Mittag mit meiner Familie zusammen am Tisch sitzt und mich hinterher bestiehlt - zu diesem Charakter muss ich mich nicht äußern. Jetzt habe ich inzwischen die Nase voll davon, immer so zu tun, als wäre nichts. Ich habe mich lange Jahre sehr zurück gehalten mit meinen Äußerungen und mir eine ganze Menge bieten lassen. Aber andere Hörspielfirmen, die genau wussten, dass die Produktionen von dem Herrn und seinem Kollegen zum größten Teil auf Diebesgut basiert, ist es nicht unbedingt hoch anzurechnen, dass sie trotzdem solche Leute für sich arbeiten lassen. Das ist denen aber egal. Das ist letztendlich derselbe Geist, der dahintersteckt. Ich habe kein Problem damit, dass man zur Konkurrenz wechselt. Die Frage ist, unter welchen Umständen das passiert. Es scheint aber moralisch gesehen keine Grenzen zu geben. Auch Universal war darüber informiert, was da abläuft.

Ich hab mir ja schon Sorgen gemacht, dass ich dich hier als todkranken Mann vorfinde. Auch solche Vermutungen gab es ja schon.

Nein, ich hab mich zwischendurch mit anderen Dingen beschäftigt, und habe zusammen mit Matthias Günthert eine andere Firma. Wir produzieren Sprachstanderhebungssoftware: Es gibt Tools, mit denen es bei Kindern und Jugendlichen in über 20 verschiedenen Sprachen möglich ist, Sprachstände festzustellen. Matthias kommt aus der Logopädie, und gerade in Bezug auf die Migrationsproblematik ist es uns ein Bedürfnis gewesen, mit diesen Werkzeugen entsprechende behördliche Stellen zu unterstützen. Das ist eine Sache, die mir sehr großen Spaß macht, weil es wirklich toll ist. Wir haben auch den deutschen Bildungsmedienpreis dafür bekommen. Ich habe dabei das Gefühl, etwas richtig Sinnvolles zu machen, da es beispielsweise auch in Vorschulen eingesetzt wird. Das erfüllt mich sehr.

Mit Matthias Günthert hast du ja auch den zweiten Soundtrack zu Gabriel Burns produziert. Als das dann veröffentlicht wurde, kam das nicht so gut an.

Ich habe das in erster Linie gemacht, um mich bei Matthias für seinen Einsatz zu bedanken, ihm auf die Schulter zu klopfen und einfach zu sagen: Hey, das ist klasse, was du tust! Wenn ich dann nur so eine Rotze lese von Leuten, die sich hinters Licht geführt fühlen, weil da jetzt nur Musik drauf ist - äh … wir haben das nicht verheimlicht. Ich habe mich da sehr drüber geärgert und mich auch Matthias gegenüber für diese Kommentare geschämt. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass es offensichtlich eine ganze Menge Leute gibt, die sehr schnell bei der Hand sind, Dinge niederzuknüppeln. Jeder, der eine ungefähre Ahnung davon hat, mit welcher Liebe, mit welchem Detailreichtum, mit welchem Aufwand das entstanden ist, der würde niemals so etwas schreiben. Der könnte vielleicht sagen: Das gefällt mir nicht, und das ist ja auch in Ordnung. Aber von dem Handwerk das dahinter steckt, redet man nicht schlecht.

Ich glaube, das Problem für die meisten lag darin, dass der Soundtrack innerhalb der Reihe als fortlaufende Nummer erschienen ist.

Wenn sich die Leute im nächsten Burger-Laden für 9,80€ irgendeinen Mist rein knallen, wo nach einer halben Stunde der Effekt weg ist, fühlen sie sich dann auch wer weiß wie ausgenommen? Von diesen Konzernen werden sie nun wirklich den ganzen Tag am Nasenring durch die Manege geführt. Wir alle leben von den Dingen, die wir hier tun. Und die Leute erhalten für ihr Geld etwas, das sie ihr Leben lang immer wieder hören können. Wie kann man sich dahin stellen und so schlecht darüber reden? Gibt es denn tatsächlich auch mal so etwas wie ein Wohlwollen? Dass man sagt: Okay, ich möchte ein Projekt dadurch unterstützen und gebe da Geld für aus.

Das ist das Allererste, was ich meinen Kindern in Bezug auf Musik beigebracht habe. Dass ich sage: Klar könnten wir uns das irgendwo downloaden, aber was wir kaufen, unterstützen wir ja auch damit. Ich werde nicht müde, das zu sagen - und das hat mit Geldgier überhaupt nichts zu tun. Es gibt doch wirklich schlauere Methoden, viel Geld zu verdienen. Da würde man zum Beispiel Makler werden oder Drogenbaron, aber doch nicht in der Hörspiel-Branche verweilen. Ich will insofern sagen: Leute, ein bisschen mehr Wohlwollen wäre ganz schön …

Kannst du denn verstehen, dass es Hörer gibt, die lieber wissen möchten, wie es weitergeht, anstatt einen Soundtrack zu hören?

Natürlich kann ich das verstehen. Aber das muss alles auch unter einem finanziellen Aspekt gesehen werden, das muss sich auch rechnen. Wer sich mal anschaut, in welchen Massen die Sachen hin und her geladen werden, ohne dass da auch nur ein Cent fließt, da kann sich doch jeder überlegen, wie denn so was hinterher produziert werden soll.

Ich halte fest: Du kannst die Kritik verstehen, aber es geht um die persönliche Wertschätzung, deine Arbeit die dahinter steckt.

In diesem Falle ging es mit vor allem um die Arbeit von Matthias. Wer Gabriel Burns von Anfang an verfolgt hat, wird bemerkt haben, dass die Musik ein elementarer Bestandteil des Werkes ist. Der Soundtrack „Livrare opt“ war auch toll gemacht, das Kreuzcover ist handgemalt. Ich will kein Jammerlied anstimmen, ich möchte, dass Verhältnismäßigkeiten überprüft werden. Was ist denn tatsächlich was wert? Wenn man etwas auf die Beine gestellt hat, dann möchte man doch in irgendeiner Form zumindest mal ein nettes Wort. Es geht um das freundliche Wort.

… und jetzt habe ich einfach mal ein bisschen pausiert … und mich auch wieder beruhigt :-). Wer jetzt der Meinung ist, dass ich aus seiner Gunst heraus bin, ist das eben so. Bei allem, was ich tue, muss ich diesen Enthusiasmus in mir haben, dieses Adrenalin in mir spüren. Wenn ich das merke, dann kommen Ideen. Diese Gefühl ist mir zwischendurch etwas abhanden gekommen, und ich habe mich an anderen Sachen abreagiert. Ich bin auch nur ein Mensch, und jetzt geht es weiter.

Warum hast du dich in den letzten Jahren nicht geäußert und erklärt, warum es nicht weitergeht? Dich werden doch auch Leute kontaktiert haben.

Ich bin von Natur aus eigentlich kein Jammerer. Es klingt ja bis jetzt nach Jammerrei, aber so will ich gar nicht dastehen. Ich finde ich es grundsätzlich albern, wenn man so etwas immer in die Öffentlichkeit plärrt. Aber als du anriefst habe ich gedacht: Bevor immer nur der Mistkübel über mir ausgekippt wird, darf ich ja auch mal was sagen.

Kannst du denn verstehen, dass man als Hörer gerne eine Aussage hätte, ob es weitergeht oder nicht?

Absolut kann ich das verstehen und es geht ja auch weiter. Ich merkte irgendwann, dass ich zu sehr nach privaten Dingen befragt wurde. Immer mit dem Hintergrund, dass ich das dann am nächsten Tag im Netz lesen würde. Ich fühlte mich ein bisschen bedrängt und auch plötzlich als öffentliches Eigentum. So nach dem Motto: Du hast dich jetzt gefälligst dazu und dazu und dazu zu äußern! Und auch was dich persönlich betrifft, geht alle was an. Nee, es gibt auch tatsächlich Dinge, die natürlich nicht alle was angehen. Es geht dann doch nur noch um die Latest News: Habt ihr schon gehört?!! Er hat nur noch einen Arm!!!

Selbst mit einem Arm kann man Hörspiele produzieren. Ich finde, du bist ja keine Person des öffentlichen Lebens, du musst dich da gar nicht zu äußern, wenn du nicht willst.

Ich will nicht sagen, dass das besonders korrekt ist oder nicht - ich will das aber auch von niemand anderem bewertet haben. Ich fühlte mich nicht wohl. Jetzt habe ich wieder etwas Distanz dazu bekommen. Es war mir einfach zu nah.

Als Beispiel: Bei der Arbeit an der Software spielt meine Person überhaupt keine Rolle, und das hat mir so gut gefallen, dass ich dachte: Das ist schön, dass es nur um die Sache geht und mein Name dabei völlig raus gelassen wird. Und in Wirklichkeit geht es doch auch gar nicht um Volker Sassenberg. Es geht um Jay, Tom und Derek und die anderen Banden.

Du bist aber der Kopf, der es macht.

Ja, aber das hat sich dann verselbstständigt, und plötzlich las ich Dinge, wo über meine Person spekuliert wurde. In der Hörspielszene vermischen sich manchmal Dinge. Du, Poldi, bist jemand, der hat sich klar positioniert. Du beschäftigst dich damit, aber du bist kein Hörspielmacher. Seit ihr denn in der Hörspielszene noch alle gut miteinander?

Ich habe noch einige persönliche Kontakte, bin aber in keinem Forum mehr aktiv. Mein Leben hat sich aber auch einfach verlagert. Zuerst war ich im Hörspieltalk, später da auch im Team, wo ich dann Ende Dezember 2006 ausgeschieden worden bin, weil einfach Meinungen auseinander gegangen sind. Danach war ich in der Hörspiellobby, die es mittlerweile gar nicht mehr gibt. Nach deren Ende habe ich entschieden, mich in Foren nicht mehr an Diskussionen zu beteiligen. Das Problem in den ganzen Foren ist, dass wirkliche Diskussionen fast nicht mehr stattfinden, weil die Zahl der Leute sehr überschaubar ist, die sich aktiv beteiligen.

Siehst Du?! Jetzt ist es etwas ganz Faszinierendes passiert: Wir haben gerade die Kamera gewechselt. Ich habe dich etwas gefragt, wo Leute im Netz ebenfalls hinterher über dich herfallen könnten. Man kommt durch Fragestellung ganz schnell in ein Fahrwasser, wo man genötigt ist, Dinge zu sagen. Obwohl ich weiß, wenn ich sie sage, ist es nicht gut, und wenn ich sie nicht sage, ist es auch nicht gut. Und wenn das ein gewisses Ausmaß bekommt, macht das keinen Spaß. Wenn man merkt, das kommt zu nah, das hat zu sehr mit meiner Person zu tun. Deswegen hab ich das nicht angefangen. Wenn ich im Rampenlicht stehen wollte, würde ich etwas anders machen, aber keine Hörspiele.

Ich habe in den Hörspielforen immer teilgenommen, weil ich Spaß an dem Medium habe.

Ich habe das Hörspielmachen auch angefangen, um Spaß zu haben und um den Leuten Spaß zu bereiten. Du bist einer der Leute, die wohlwollend da dran gehen, in deinen Bewertungen, der nicht immer nur lobhudelt. Du sagst deine Meinung, auch wenn sie manchmal nicht so positiv ist, aber Du machst das niemals verletzend.

Oh, ich glaube das sehen einige Leute ganz anders. Auch ich bekomme Zuschriften von Leuten, die das Hörspiel XY komplette Grütze fanden und warum ich das jetzt gut finde. Ganz einfach: Eine Rezension ist meine subjektive Meinung. Und wenn mir zum Beispiel die 2000. Folge der der ??? immer noch gefällt, dann ist das eben so.

Es gibt ja auch noch einen Unterschied zwischen Geschmack und Handwerk. Man kann eine Sache natürlich doof finden, deswegen ist sie handwerklich aber noch nicht schlecht. Das muss man ein bisschen auseinander halten, deswegen ist eine gewisse Distanz zu den Dingen immer wichtig. Und ich finde, dass Dir das gelingt. Und deswegen reden wir beide hier heute auch so offen miteinander.

Zurück zu dir: Ich würde gerne wissen ob und wann es bei Point Whitmark weitergeht?

Es geht dieses Jahr weiter. Ich hab Folgen fertig. Ich denke, nach dem Sommerferien geht es weiter.

Es gab ja bei Point Whitmark immer die Kritik, dass es nicht mehr in Point Whitmark spielt.

Die nächste Folge spielt total in Point Whitmark, die übernächste auch, das ist schon mal sicher. Natürlich lebt eine Geschichte auch von den Spielorten, und es wäre etwas seltsam, wenn alle guten Spielorte an einem Ort wären, wie Wald, Wasser, Berge, Schnee, Hitze. Aber ich habe verstanden, was die Leute meinen. Es mag auch tatsächlich sein, dass sie das Gefühl bekommen haben, dass es insgesamt zu oft weit weg führt.

Geht es denn auch mit Gabriel Burns weiter?

Ja, auch der Burns geht weiter. Das dauert aber noch einen Hauch länger, aber wahrscheinlich noch dieses Jahr. Das hat einfach damit zu tun, dass das hier gerade etwas mehr in der Mache ist.

Das Grundkonzept zu Gabriel Burns stammt ja von dir und Raimon Weber. Jetzt gibt es immer wieder Stimmen, die sagen, dass man klar den Bruch erkennt, als Raimon Weber ausgestiegen ist. Hat die Serie tatsächlich einen anderen Verlauf genommen?

Da hab ich mir noch nie Gedanken drüber gemacht. Das hat einfach damit zu tun, dass in einer Produktion die aktuelle Arbeit immer die wichtigste Arbeit ist. Wenn dieses Adrenalin da drin steckt, das ist für sich gesehen jedes mal so ein kleinen Highlight, was dabei rauskommt. Es hat sich produktionstechnisch sicherlich verändert, weil wir mit Storyboards arbeiten. Das heißt, dass die Geschichten vorher klar umrissen und dann hinterher formuliert werden. Das war in der ersten Zeit nicht so. Das hat aber weniger mit Raimon zu tun, ich musste die Dinge erst mal über viele Jahre strukturieren. Für die ersten sechs Point Whitmark-Hörspiele haben wir drei Jahre gebraucht. Ich kam aus der Musikproduktion, habe viel Werbung gemacht und musste auch erst einmal lernen, über 60 Minuten ein Spannungsverlauf mit rotem Faden hinzubekommen. Ich habe dadurch eine eigene Messlatte setzten können, wo es hingehen soll. Das ist schon Arbeit.

Hast du nach der langen Pause keine Angst, dass es sich nicht mehr verkauft?

Wieso? Es hat doch so viele Serien gegeben, die mal pausiert haben und dann wiedergekommen sind, manchmal viel besser als vorher. Außerdem ist das doch besser, als wenn sich eine Serie total

totnudelt … Es ist auch viel schlimmer, wenn man sich irgendwann seiner Arbeit nur noch widerwillig widmet und nur noch Grütze rauskommt. Dann ist doch die Gefahr viel größer.

Als Macher kann einen so ein Erfolg auch dazu verleiten, solche Serien bis ins endlose fortzuführen. Muss man einfach irgendwann mal sagen: Es ist gut jetzt?

Ja klar, darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht. Wenn mir bei Point Whitmark keine guten Settings oder Themen mehr einfallen oder ich mich wiederhole, dann ist der Moment gekommen, um zu sagen: Das wars jetzt.

Hat es in den letzten Jahren Anfragen gegeben, ob du Gabriel Burns oder Point Whitmark nicht gerne abgeben möchtest.

Ja, das waren einige. Aber man verkauft ja seine Kinder nicht. Ich habe den Leuten gegenüber auch ganz eindeutig verlauten lassen, dass ich das noch weitermachen möchte. Wenn ich jetzt gar keine Lust mehr hätte, oder wenn ich gar keine Ohren mehr hätte, dann ja. Nicht dass jetzt einer vorbeikommt und mir...

dir die Ohren abschneidet.

Vielleicht gebe ich ja auch irgendwann den Staffelstab mal weiter. Ich hab ja auch Kinder, die sind sehr interessiert in diesen Bereichen und schon sehr engagiert mit Audiotechnik.

Wie alt sind deine Kinder?

Meine Tochter ist 14 und macht schon richtig tolle Musikaufnahmen. Beide sind musikalisch, spielen beide in einer Big Band und können beide auch mittlerweile gute Geschichten von schlechten Geschichten unterscheiden. Ich bin manchmal ganz beeindruckt wenn wir abends Fernsehen gucken und mein Sohn mich anschaut und sagt: Papa, das ist total unlogisch, oder? Die denken richtig mit, und das sind die besten Voraussetzungen. Aber Lizenzen verkaufen... ?! Was ich an diesen Anfragen so lustig finde ist, dass die Menschen offensichtlich der Meinung sind, dass der Besitz einer Marke dazu führt, dass man mal eben aus dem Stehgreif so etwas macht. Diese jahrelangen Überlegungen und was da alles drinsteckt, das ist doch gar nicht zu veräußern. Das hat doch ganz unmittelbar auch mit meiner Person zu tun. Ich will mich jetzt hier gar nicht als unentbehrlich darstellen, aber was diese Dinge angeht, glaube ich nicht, dass das funktioniert.

Bei Point Whitmark schon eher als bei Gabriel Burns. Da gibt es ja keine zusammenhängende Rahmenhandlung.

Schon gar nicht bei Point Whitmark. Da gibt es doch ganz viele Zutaten darin, die ich jetzt an dieser Stelle natürlich nicht verraten möchte. Und diese spezielle, leichte Schrägheit, dass es auch nicht ins Alberne oder Groteske kippt - ich weiß doch selber, wie schwer das ist. Das ist ja nicht zu machen mit: „Schau mal, hier hast du Geld.“

Ich glaube, dass es bei Point Whitmark einfacher wäre es fortzusetzen als bei Gabriel Burns, weil das ja so verschachtelt ist.

Weißt du was, ich habe so viele Point Whitmark-Skripte unaufgefordert von Leuten bekommen, die sich hier als Autor bewerben wollten. Ich war nach dem Lesen oft überrascht und ich dachte: Faszinierend, die haben überhaupt nicht verstanden, was wir hier eigentlich machen. Ich will das Engagement überhaupt nicht minder wertschätzen, das war auch zum großen Teil wirklich sehr gut, aber es war eben nicht Point Whitmark. Und es ist eben unheimlich aufwändig, das zu überarbeiten. Ich habe das mal überschlagen, in der Zeit kann ich das selbst schreiben. Wenn ich Dinge lese und denke: Wow, das hat den Geist total getroffen, dann bin ich zu jeder Kooperation bereit. Aber das ist mir eigentlich nicht untergekommen. Schade, und das wundert mich auch manchmal.

Warum? Du hast der Serie ja deinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt, und das ist schwer zu imitieren. Und es ist ja auch was anderes, ein Skript zu schreiben oder zu lesen, als wenn du das Hörspiel hörst.

Meine Arbeit besteht ja vor allem darin, mir aus den Worten gleich alles vorzustellen. Ich spiele das dann innerlich mit verteilten Rollen. Manchmal muss man das auch einfach sprechen. Das sind manchmal einfach Sätze, das würde der doch niemals so sagen. Leute, die mir so etwas schicken, kennen doch die Serie. Genauso wie die Leute, die mich fragen, ob ich das verkaufe, die kennen die Serie ja auch. Und glaube mir, ich bin total in der Lage zu sagen: Das ist gut. Ich bin kein notorischer Kritiker. Aber ich bin genauso gut in der Lage zu sagen: Nein, das ist es leider nicht. Und das muss ich ja auch sein, sonst würde das alles einfach auseinander Fetzen. Ich finde, dass man beispielsweise auch den „Die drei ???“-Hörspielen verschiedene Handschriften anmerkt. Und davon sind einige besser - einige weniger gut. Aber das darf eigentlich nicht sein. Das würdest du beispielsweise bei wirklich guten Fernsehserien nicht merken. Die sind von oben so gut konzipiert. Die Autoren sind in der Lage, sich wie ein Chamäleon in das ganze Konzept einzufügen. Das ist der Witz, und das wollte ich auch immer erreichen. Da muss man aber auch fairerweise dazu sagen: Ein Hörspiel ist ein Hörspiel, deine Budgets sind ja keine Fernsehbudgets. Wenn man da mit hunderttausenden von Euros rum werfen könnte, hat man vielleicht auch andere Möglichkeiten. Die haben wir im Hörspiel nicht, und das macht es auch irgendwie charmant. Aber das führt eben nicht dazu, dass man als Produktionsleiter sagen kann: Komm, wir kaufen das Ding, dann läuft das schon irgendwie weiter. Das ändert sich dadurch sehr stark, und das würde ich einer Serie wie Point Whitmark auch nicht antun wollen.

Die Fanseite zu Gabriel Burns, Experiment Stille, ist ja geschlossen. Wusstest du, dass sie zumachen, haben sie mit dir geredet. Tut dir das leid?

Ja, natürlich tut mir das leid. Es ist schade. Ich finde, die haben eine ganz tolle Arbeit gemacht, Stefan und Jan. Wahrscheinlich liegt es daran, dass von meiner Seite zu wenig Input geliefert wurde. Das verstehe ich auch, aber es war nicht immer mein Bestreben. Das war zu dieser Zeit, als mir alles ein bisschen sehr über den Kopf gewachsen ist.

Bei Abseits der Wege ist ja leider der Erzähler verstorben. Du hast immer gesagt, du würdest gern bei Folge eins wieder starten mit einem neuen Erzähler.

Ich würde auch gerne weitermachen, weil es mir immer total gut gefallen hat. Aber das ist momentan bei mir nicht im Gedankengang. Ich schließe nicht aus, dass es da mal weitergeht. Aber ich mache momentan so viele Sachen, wo ich auch mal wieder richtig Lust drauf hatte. Ein paar irre gute Musikprojekte zum Beispiel, wo Veröffentlichungen anstehen in Zukunft. Ich werde jetzt ja bald 50 Jahre alt und habe beschlossen, nur noch Dinge zu tun, die mir wirklich Freude machen. Warum soll ich mich mit irgendeinem Scheiß herumärgern? Ich habe ja vorhin mal skizziert, was ich so alles erlebt habe, und dann noch mit den Dingen, die von außen an einen herangetragen werden. Wenn man schlau ist, hält man irgendwann inne und denkt: Muss ich das haben? Ich werde grundsätzlich nur noch die Dinge tun, die mir Spaß machen.

Wo erscheinen die neuen Hörspielfolgen? Immer noch bei der Sony?

Ich habe ja mein eigenes Label, Decision Products. Aber der Vertrieb läuft weiterhin über Sony, die haben ja mit der Produktion gar nichts mehr zu tun. Universal war ja eine Plattenfirma, das ist ja ein ganz anderes Vertragskonstrukt.

Wie ist denn dein Blick gerade auf die Hörspielwelt?

Ich habe da ehrlich gesagt gar keinen Blick drauf, weil ich mit anderen Dingen befasst bin. Es ist schon beeindruckend, was den Leuten alles entgangen ist, was ich so gemacht habe. Dadurch, dass ich persönlich nicht in Erscheinung getreten bin. Jetzt habe ich heute tatsächlich ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert, das ändert aber nichts an meiner Grundeinstellung.

Das hättest du ja auch sagen können, als ich dich angerufen und nach dem Interview gefragt habe: Nö, habe ich keine Lust drauf, mache ich nicht.

Ja, aber es hat mich ja jetzt nicht irgendjemand angerufen. Jetzt hast du mich angerufen, und ich finde, dass du einen wirklich tollen Job machst, und deswegen wollte ich dir da jetzt Rede und Antwort stehen. Ich sehe mich heute an dieser Stelle ein bisschen in der Erklärungs-, aber nicht in einer Rechtfertigungsnot. Und damit werde ich auch wieder als Person in der Versenkung verschwinden. Und nur dann macht mir das auch Spaß. Warum soll ich mich an irgendwelchen Mutmaßungen beteiligen? Die habe ich ja nicht im Griff. Ich habe sowieso keinen Einfluss darauf, was andere Menschen über mich denken.

Möchtest du noch abschließende Worte an die Hörer richten, die dir noch wohlgesonnen sind?

Ich würde mich freuen, wenn das Hörspielgeschäft sich auf ein ganz elementares Ding konzentriert, nämlich das Hören ohne Bilder. Da gibt es ja eine Analogie: In dem Moment, in dem die Leute, die hinter einem Projekt stehen, plötzlich in der Wahrnehmung zu präsent sind, dann geht das auf Kosten der Phantasie und des Hörspiels selber. Es ist viel schöner, wenn die Leute, die das tun, gar keine so große Rolle spielen. Und das würde ich mir für mich persönlich auch wünschen.

Ich freue mich darauf, dass wir demnächst wieder mehr von dir hören werden. Ich danke dir für das Interview!

Danke dir.

 

(c) poldis-hoerspielseite.de Mai 2017