Obsidian - Alle fünf Bände (Jennifer L. Armstrout)

Mord im Gurkenbeet (Alan Bradley)

Die Auslese - Die komplette Trilogie (Joelle Charbonneau)

Der Wächter von London (Benedict Jacka)

Die Tribute von Panem: Das Lied von Vogel und Schlange (Suzanne Collins)

Rabenprinz (Margaret Rogerson)

Dunkel (Ragnar Jonasson)

Doktor Maxwells chaotischer Zeitkompass (Jodi Taylor)

Abgrund (Yrsa Sigurdardottir)

Die glorreichen Sechs (Royce Buckingham)

Die Traumdiebe (Cherie Dimaline)

Sündengräber (Kristina Ohlsson)

Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv (Jodi Taylor)

Sühne (Steffen Jacobsen)

Wer zweimal stirbt (Leif Persson)

Die Chroniken von Alice - Finsternis im Wunderland (Christina Henry)

Der Bär und die Nachtigall (Katherine Arden)

Puppentod (Erik Axl Sund)

Deine Angst ist erst der Anfang (Mariette Lindstein)


Obsidian - Alle fünf Bände (Jennifer L. Armstrout)

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Von ihrem Umzug von Florida ins ländliche West Virginia ist Katy alles andere als begeistert, noch nicht einmal das Internet für ihren Buch Blog scheint in dem verschlafenen Ort zu funktionieren. Als sie auf ihren Nachbarn, den höchst attraktiven, aber missmutigen und unfreundlichen Daemon trifft, beschließt sie, lieber auf seinen schnellen Anschluss zu verzichten als weiterhin Zeit mit ihm zu verbringen. Doch sie ahnt nicht, welche Wendung diese Begegnung ihrem Leben gegeben hat und welche Gefahren auf sie zukommen…

Jennifer L. Armstrout hat ihren Debutroman „Obsidian“ gleich zu einer mehrteiligen Fantasy-Reihe gemacht, die mittlerweile vollständig nicht nur als Einzelbände, sondern auch gemeinsam mit allen Teilen erhältlich sind. Dabei greift sie den momentanen Trend zu übernatürlich beeinflussten Liebesgeschichten unter Teenagern auf und geht dabei auch nicht immer eigene Wege. Viele Elemente des Fünfteilers erinnern stark an andere Vertreter des Genres romantischer Urban Fantasy – anderes wirkt aber auch sehr kreativ und einzigartig. So ist der Komplex der fantastischen Welt, die neben der uns bekannten Realität existiert, äußerst clever und vielschichtig erdacht. Sie hat merklich viel Mühe und Gedanken investiert, um hier ein sehr sauberes und stimmiges Konstrukt zu schaffen, von Mitstreitern und Gegenspielern, von Gut und Böse, von rivalisierenden Parteien und ihren ganz eigenen Methoden, den Kampf für sich zu entscheiden. Das ist wirklich auf den Punkt gebracht und sorgte bei mir als Leser für einen großen Reiz, diese Welt weiter zu erkunden.

Armstrout schafft es auch gelungen, markante und präsente Charaktere zu zeichnen. Nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch viele Nebenrollen sind mit ihren speziellen Eigenheiten und einem sehr persönlichen Hintergrund dargestellt und bringen ihre eigene Aura in den Roman mit ein. Nicht jede Wandlung und Entwicklung wird dabei stimmig dargestellt, dabei sei vor allem Daemons doch recht rasche Umkehr im ersten Band der Reihe zu nennen. Doch insgesamt hat sie Charaktere erschaffen, die Emotionen hervorrufen und mit denen man mitfiebern kann.

Der Verlauf der fünf Romane ist insgesamt sehr gelungen. Jeder Band hat einen erkennbaren Schwerpunkt und einen eigenen Spannungsverlauf, dennoch funktioniert auch der rote Faden über die Bände hinweg hervorragend – auch wenn dabei durchaus einige Dellen nach unten erkennbar ist. So gab es während des dritten Bandes eine Phase, in der die Handlung nicht mehr richtig fließen wollte und festzustecken schien, in denen sich die Autorin in zu vielen Einzelheiten verloren hat und so nicht mehr dazu gekommen ist, wirkliche Spannung zu erzeugen. Von solchen kleineren Schwächen abgesehen bietet die Reihe aber eine aufregende Handlung.

Der Schreibstil der Autorin gefällt mir ebenfalls gut, da sie sehr nahbar schreibt und den Fokus auf die Emotionen der Charaktere lenkt, ohne dabei kitschig oder übertrieben romantisch zu wirken. Die Bilder, die sie mit ihren Worten zeichnet, wirken lebendig und eingängig, die Wortwahl ist treffend und sorgt für einen guten Lesefluss. Die unterschiedlichen Stimmungen der Handlung kommen so sehr gut zur Geltung.

Die „Obsidian“-Reihe ist zwar nicht vollkommen originell, sondern orientiert sich eng an einigen (scheinbaren) Vorgaben des Genres, bietet aber auch einige sehr gelungene Ideen und eine komplexe, beachtliche magische Welt. Auch die Charaktere agieren sehr markant und lebhaft, wecken Emotionen und sorgen für Spannung, sodass trotz kleinerer Flauten im Aufbau eine sehr lesenswerte Geschichte entstanden ist.


Mord im Gurkenbeet (Alan Bradley)

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Als ein Mann vergiftet im Gurkenbeet ihres Hauses liegt, steckt die elfjährige Flavia de Luce in ihrem ersten Kriminalfall. Denn ausgerechnet ihr Vater gerät unter Verdacht, nach einem Streit den Mord begangen zu haben. Mit ihren Kenntnissen der Chemie und verschiedenster Gifte, aber auch einer gehörigen Portion Mut und Besserwisserei will Flavia ihren Vater unbedingt entlasten. Doch auch sie ist bald nicht mehr überzeugt, dass er unschuldig ist…

Ein elfjähriges Mädchen als Hauptfigur, das im Dauerclinch mit ihren Schwestern liegt und auch ansonsten allerlei vorpubertäres Gebaren zeigt – wer jetzt schon naserümpfend den ersten Band von „Flavia de Luce“ weglegen möchte, weil er von einem Kinderbuch ausgeht (was aufgrund der hübschen, aber ungewöhnlichen Covergestaltung sogar noch wahrscheinlicher wird), sollte seine Entscheidung noch einmal dringend überdenken. Denn mit seinem wunderbar britischen Humor und herrlich vielen Skurrilität ist „Mord im Gurkenbeet“ ein herrlicher Krimi für so ziemlich alle Altersklassen. Denn der Kriminalfall, der hier erzählt wird, ist komplexer und vielschichtiger, als es zunächst den Anschein hat. Es spielen viele Elemente mit ein, es gibt einige falsche Fährten, und auch wenn mich die Auflösung dann nicht mehr allzu sehr überrascht hat, habe ich mich von Anfang bis Ende gut unterhalten gefühlt.

Sehr gut gefallen hat mir auch die Ausgestaltung der Charaktere, allen voran natürlich Flavia de Luce. Sie wird so überspitzt dargestellt, mit zahlreichen ungewöhnlichen Fähigkeiten versehen, stellt sich furchtlos aufkommenden Problemen und ist hochintelligent – ein skurriler und sehr präsenter Charakter, der jedoch auch anderen Figuren Platz gibt. Nun sind die allermeisten beteiligten Erwachsenen als etwas dümmlich oder langsam denkend dargestellt, was den Kontrast noch schärfer wirken lässt.

Ich mag den Schreibstil des Autors Alan Bradley sehr gern, der Flavia als Ich-Erzählerin auftreten lässt und so sehr detailreich seine Hauptfigur strahlen lassen kann. Ihre oft verqueren Gedanken, der Scharfsinn, die Aufmüpfigkeit – all das habe ich schnell zu schätzen gelernt. Er schafft es, die vielen Widersprüche der Figur sinnvoll zu vereinen und gleichzeitig eine sehr dichte Stimmung zu schaffen. Die vielen Metaphern und die lebendig wirkenden Szenerien entführen den Leser in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, ohne altbacken zu wirken. Im Gegenteil: Der erfrischend trockene Humor ist eine wunderbare Zugabe zu dem starken Skript.

„Mord im Gurkenbeet“ ist ein sehr ungewöhnlicher Krimi mit einer besonderen Hauptfigur und einem einzigartigen Schreibstil. Für Puristen ist das sicherlich zu viel, nicht jeder wird sich in die skurrile und schwarzhumorige Szenerie einfinden – ich fand den Roman aber schlicht großartig. Dazu hat vor allem die hervorragend erdachte Hauptfigur beigetragen, auf deren weitere Abenteuer ich mich sehr freue!


Die Auslese - Die komplette Trilogie (Joelle Charbonneau)
 

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Als Cia Vale für die Auslese ausgewählt wird, ist sie stolz darauf, dass ihr diese Ehre zuteilwird. Denn darüber werden die künftigen Führer des Landes ausgewählt, beobachtet von Psychologen sollen die Teilnehmer in verschiedenen Aufgaben ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Trotz der dringlichen Warnung ihres Vaters, niemandem zu vertrauen, lässt sich die auf ihre Mitkandidaten ein – bis der erste Teilnehmer stirbt und sich langsam Misstrauen breit macht…

Mit „Die Auslese“ hat Autorin Joelle Charbonneau eine Romantrilogie geschaffen, die auf dieser aktuell sehr beliebten Kante zwischen Jugendroman und Buch für Erwachsene balanciert. Die Parallelen zu anderen Romanreihen sind nicht von der Hand zu weisen: Auch hier wird eine dystopische Zukunft berichtet, in der sich eine neue Weltordnung aufgebaut hat und Menschenleben deutlich weniger zählen als heute. Praktischerweise gibt es dabei auch eine weibliche Hauptfigur, die im Laufe der Zeit an einem Umbruch des Systems beteiligt, nachdem sie zunächst selbst in den Fängen dieser Strukturen gefangen ist. So weit, so bekannt, aber die Autorin versteht es, diese Idee mit eigenem Leben zu füllen und ganz eigene Akzente zu setzen. Sie hat mit Cia eine durchaus individuelle Titelfigur geschaffen, doch auch viele andere wichtige Figuren haben eine präsente Aura und fügen der Handlung ein Stück Individualität hinzu. Auch der Aspekt des immer weiter aufkommenden Misstrauens untereinander hat mir gut gefallen,

Auch die Welt des zukünftigen Commonwealth mit seinem gesellschaftlichen Aufbau hat mir gut gefallen und wird lebendig dargeboten, wobei in jedem der drei Bände neue Elemente hinzugefügt wurden. So bekommt man von der anfänglich oberflächlichen Betrachtung eines einfachen Bürgers immer mehr schreckliche Details präsentiert. Man hat das Gefühl, gemeinsam mit Cia hinter die Kulissen blicken zu können, wobei man schon selbst einige Hinweise kombinieren kann und deswegen einige Offenbarungen nicht mehr allzu überraschend sind.

Verlauf und Schreibstil sind flüssig geraten, die prägnante Wortwahl und die bildhafte Spreche gefallen mir sehr gut. Nur einige Actionszenen wirken allzu überhastet, sodass man die Übersicht und den Fortlauf nicht ganz überblicken kann. Und auch der inflationäre Einsatz von Satzzeichen stößt stellenweise sauer auf –um Erstaunen und Entsetzen auszudrücken gibt es bessere Möglichkeiten als mehrere Ausrufezeichen.

„Die Auslese“ ließ sich zwar an einigen Stellen recht deutlich von anderen, ähnlich gestrickten Romanserien inspirieren, ist aber mit viel Leben gefüllt und überzeugt mit der düsteren Ausstrahlung ihrer dystopischen Zukunftsvision. Die Spannung ist recht schnell sehr hoch und kann sich über die drei Bände halten – mit Ausnahme einiger eher langwieriger Entwicklungen im zweiten Teil. Eine durchaus lesenswerte Reihe, ein wenig mehr Originalität und der Mut, eingetretene Pfade zu verlassen hätten aber gutgetan.


Der Wächter von London (Benedict Jacka)
 

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Alex Verus hat in der Vergangenheit einem Schwarzmagier gedient und dabei Taten vollbracht, auf die er alles andere als stolz ist. Der Tod einer jungen Frau gehört dazu – und genau dieser soll nun von einer Gruppe aufgebrachten Adepten gesühnt werden. Alex steht dabei im Mittelpunkt des Fadenkreuzes und muss sich wehren – und dass, obwohl er seine finsteren Taten selbst bereut…

Der vierte Band der Buchreihe um Alex Verus von Benedict Jacka mit dem Titel „Der Wächter von London“ ist noch einmal düsterer geraten als seine Vorgänger, was besonders an der Vergangenheit der Hauptfigur liegt, die hier noch einmal aus einer anderen Perspektive beleuchtet wird. Mir gefällt, dass die Figur so noch mehr Tiefe erhält und dennoch die geheimnisvolle Aura bewahrt, die so sorgsam in den vorigen Bänden aufgebaut wurde. Auch den anderen Charakteren wird die Gelegenheit gegeben, sich zu entwickeln, beispielsweise indem sie in einen Konflikt mit Alex geraten oder vor neue Herausforderungen gestellt werden. Da ist viel Bewegung in der übergeordneten Serienhandlung, sodass man die vorigen Bände schon gelesen haben sollte, um hier alle Details auch verstehen und genießen zu können. Doch auch die Geschichte dieses Bandes kann überzeugen und ist mit einer gehörigen Portion Düsternis ausgestattet. Die Figuren werden vor harte Entscheidungen gestellt und müssen sich dabei mit moralischen Fragen beschäftigen, ohne dass dieser Aspekt zu sehr in den Fokus gerückt wurde. Zwar gibt es im Mittelteil einige Szenen, in denen die Handlung nicht recht vorankommt und die auch keine nennenswert aufregende oder besondere Atmosphäre haben, insgesamt ist „Der Wächter von London“ aber ein sehr starker Teil der Reihe.

Das liegt auch an dem Schreibstil, der mir besser gefallen hat als in den Vorgängern. Ob dies daran liegt, dass ich mich an die besondere Stilistik des Autors gewöhnt habe oder er noch flüssiger und prägnanter schreibt, kann ich nicht abschließend beurteilen, mir gefällt aber das insgesamt höhere Tempo mit der größeren Dichte an Ereignissen. Auch die Atmosphäre ist dicht, düster und leicht skurril, was der Handlung eine gelungene Ausstrahlung verleiht.

Die Reihe steigert sich im Laufe der Zeit immer weiter, zumal ihr hier die Gelegenheit gegeben wird, noch einmal ganz neue Aspekte der von Benedict Jacka erschaffenen Welt zu beleuchten. Es wird eine neue, düstere Szenerie erschaffen, weiter in die Vergangenheit von Alex Verus eingetaucht und neue, interessante Charaktere eingeführt, aber auch alte Bekannte in ein neues Licht gerückt. Auch wenn der Spanungsbogen nicht durchgängig gehalten werden kann, ist „Der Wächter von London“ sehr lesenswert geraten.


Die Tribute von Panem: Das Lied von Vogel und Schlange (Suzanne Collins)

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Corolianus Snow kommt aus einer angesehenen, aber verarmten Familie aus dem Kapitol von Panem. Verzweifelt versucht er, auch nach dem großen Krieg den Schein zu halten und die Familie, die nur noch aus seiner leicht senilen Großmutter und seiner engagierten Cousine besteht, zu altem Ruhm zurückzuführen. Da kommt ihm eine Neuerung bei den zehnten Hungerspielen recht: Den Tributen aus den zwölf Distrikten werden Mentoren aus dem Kreis der Schüler der Abschlussklassen zur Seite gestellt – nicht die einzige Neuerung, die eingeführt wird…

Mit ihrer Trilogie um Katniss und die anderen „Tribute von Panem“ hat Autorin Suzanne Collins eine der erfolgreichsten Romanreihen geschaffen, was ebenso für die äußerst beliebten Verfilmungen und vieles andere Merchandise gilt. Einige Jahre später ist nun ein weiterer Roman aus der Welt von Panem erschienen, der ziemlich exakt 64 Jahre vor dem ersten Teil spielt und ausgerechnet den späteren Präsidenten und Gegenspieler Corolianus Snow zur Hauptfigur hat. Das ist insofern interessant, als dass man durchaus sympathische Seiten an dem jungen Mann entdeckt und doch stets im Hinterkopf hat, zu welchem Tyrannen er sich entwickeln wird. Die Ansätze des durchaus menschenverachtenden Bildes von Snow scheinen früh durch, seine Einstellung zu den Hungerspielen sind gerade zu Anfang jedoch auch zwiegespalten und ändern sich im Laufe der Zeit, ebenso wie Corolianus durch verschiedene Einflüsse und Ereignisse entscheidend geändert wird. Es ist genau diese Gratwanderung, die den Roman so interessant machen.

„Das Lied von Vogel und Schlange“ hat aber noch eine zweite Hauptfigur: Lucy Gray, der weibliche Tribut aus Distrikt 12, die Corolianus zugeteilt wird. Ihr Auftreten ist durchaus exzentrisch, sie ist ebenso gefühlvoll wie vorlaut, ebenso bedächtig wie impulsiv und ebenso liebevoll wie kaltblütig. Man lernt sie im Laufe der Zeit immer besser kennen – natürlich aus der Perspektive von Snow – und entdeckt immer neue Seiten an ihr, auch noch ganz am Ende.

Die zehnten Hungerspiele machen etwa die Hälfte des Romans aus, sind noch deutlich roher und technisch bei weitem nicht so ausgefeilt, die Bestrafung der Distrikte für den Krieg steht noch deutlich weiter im Vordergrund als das mediale Spektakel, wie es in der Trilogie geradezu zelebriert wird. Das bringt einige reizvolle Aspekte mit ein und ist äußerst spannend, lebendig und flüssig beschrieben, auch wenn die Entwicklung von Corolianus und seinen Kameraden hier oft im Mittelpunkt steht. Sehr gut beschrieben ist auch hier, wie manipulativ und menschenverachtend die Regierung des Landes agiert, wie Intrigen und starre Höflichkeitsfloskeln das Leben bestimmen, aber auch wie der Krieg die Menschen erschüttert hat und welche Pläne vom Kapitol verfolgt werden.

Nach den Hungerspielen nimmt der Roman noch einmal eine deutliche Wendung. Die Szenerie spielt ab dort in Distrikt 12, ist aber nicht minder unterhaltsam geraten. Eine Romanze unter erschwerten Bedingungen ist ebenso zu lesen wie viele weitere Hintergrundinformationen und das so unterschiedliche Leben in den Distrikten. Äußerst spannend ist das Talent der Autorin, einen hoffnungsvollen Moment in nur wenigen Sätzen immer wieder zunichte zu machen, das hält die Handlung sehr lebendig und kurzweilig. Die vielen Anspielungen auf die Trilogie sind hervorragend untergebracht und lassen Fanherzen höherschlagen, wobei es manchmal ein paar Seiten dauert, bis man einen Zusammenhang herstellen kann. Toll, wie das alles fein, aber unaufdringlich miteinander verwoben ist.

Durch das Fehlen eines wirklichen Helden ist dieser Band vielleicht nicht ganz so zugänglich wie die Romantrilogie, der dystopische Ansatz und die raue Szenerie funktionieren aber bestens. Auch der Verlauf der Handlung und die intensive Darstellung der Charaktere sind Collins wieder hervorragend gelungen, sodass man sich selbst schnell in der Welt von Panem zurechtfindet. Ich fand es äußerst spannend zu lesen, wie die Hungerspiele zu Anfang ihrer Geschichte war, und auch wenn nur ein Zeitraum von wenigen Monaten behandelt wird, bekommt man einen sehr guten Eindruck davon, wie aus Snow der Tyrann geworden ist, der auch nach über 70 Jahren noch jährlich fast ein Dutzend junge Menschen in den Tod schickt. Sehr lesenswert!


Rabenprinz (Margaret Rogerson)

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Isobel hat sich trotz ihrer jungen Jahre bereits einen Namen als talentierte Portraitmalerin gemacht, was besonders von den Elfen sehr geschätzt wird. Denn die unsterblichen Wesen können nichts erschaffen, ohne zu Staub zu zerfallen. Als Isobel Rook, den Prinzen des Herbstlandes, portraitieren soll und eine menschliche Schwäche hineinzeichnet, ist unvermittelt sein Leben in Gefahr – und auch Isobel muss harte Konsequenzen spüren. Und so müssen die beiden zusammenarbeiten, um ihr Leben zu schützen…

Margaret Rogerson hat sich für ihr Buch „Rabenprinz“ offensichtlich von dem ungebrochenen Hang meist weiblicher Teenager zu Büchern inspirieren lassen, in denen sich eine normale junge Frau in ein übernatürliches Wesen verlieben zu lassen. Dennoch hat sie ein neues und interessantes Setting gewählt, denn bis auf den Namen hat das Volk der Elfen auf dem Roman wenig mit der allgemeinen Vorstellung aus anderen Mythologien oder Büchern zu tun. Die Wesen sind hier herrisch, zerstörerisch, haben einen Hang dazu, Menschen mit gemeinen Streichen zu quälen und blicken voller Arroganz und Hochmut auf die anderen Wesen der fantastischen Welt herab. Dieser Grundsatz ist unterhaltsam aufbereitet und mit vielen gelungenen Details ausgeschmückt, sodass man die fremdartige Aura der Elfen und ihre ungewohnten Sitten nach und nach entdecken kann. Atmosphärisch ist das gelungen dargeboten und ist besonders mit dem Vergleich zur mutigen und aufrechten Isobel unterhaltsam.

Die Handlung selbst ist zwar gut erdacht und bietet dem Leser zahlreiche starke Momente, allerdings auch einige langwierige Szenen, in denen sowohl die Handlung als auch die Entwicklung der Charaktere auf der Stelle zu treten scheinen. Hinzu kommt, dass die Liebesgeschichte zwischen Isobel und Rook zwar unausweichlich scheint, aber dann doch so plötzlich kommt, dass es recht unglaubwürdig wirkt. Innerhalb weniger Seiten wird aus offener Ablehnung ohne weitere Erklärung die große Liebe – schade besonders, da die Charaktergestaltung ansonsten sehr stimmig geraten ist und einen überzeugenden und glaubwürdigen Eindruck hinterlässt.

„Rabenprinz“ bietet ein starkes Setting und eine sehr reizvolle Welt mit prägnanten Charakteren, allerdings auch ein paar langatmige Szenen und ein paar nicht sonderlich gut erklärte Wendungen. Doch die große Faszination, die von den düsteren Elfen ausgeht, kann den Roman tragen, da es einfach Spaß macht, ihr Wesen und ihre Welt zu erkunden. Ein solider Roman, der sich aber eher an eine jüngere Leserschaft richtet.


Dunkel (Ragnar Jonasson)
 

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Um Platz für einen neuen – jüngeren und männlichen – Kollegen zu machen, soll Hulda Hermansdottir bis zu ihrer Pensionierung bezahlt freigestellt werden, darf sich allerdings noch einen letzten, bislang ungelösten Fall aussuchen. Der Mord an einer russischen Asylantin scheint der scharfsinnigen Ermittlerin nur schlampig aufgeklärt worden zu sein, weswegen sie in ihren verbliebenen zwei Wochen alle Hebel in Bewegung setzt, um die Ungereimtheiten aufzudecken…

Für seine Romantrilogie um die isländische Mordermittlerin Hulda Hermansdottir hat sich Ragnar Jonasson ein ungewöhnliches Konzept ausgedacht und das Ende ihrer Karriere an den Start gesetzt. „Dunkel“ beschäftigt sich mit dem letzten Fall seiner Hauptfigur, in den beiden kommenden Bänden wird man mehr in der Zeit zurückgehen und frühere Episoden aus ihrem Leben erfahren. Und so kommt es, dass in „Dunkel“ vieles angedeutet wird, was Hulda zu einer harten, rauen und abweisenden Frau am Rande des Eremitentums gebracht hat, nur stellenweise wird dabei aber ins Detail gegangen. Es ist durchaus spannend zu erkunden, wie schroff Hulda sein kann, wie sehr Kollegen unter ihrer oft herrischen und herabwürdigenden Art leiden müssen, wie einfühlsam sie sich aber auch bei den Ermittlungen in Opfer und Täter hineinversetzen kann. Ein paar reizvolle Widersprüche werden also eingebunden, insgesamt bleibt Hulda für meinen Geschmack in diesem ersten Band aber zu oberflächlich skizziert und etwas zu klischeebeladen dargestellt – bleibt zu hoffen, dass in den Folgebänden noch mehr Tiefgang aufkommt.

Der Fall, der in diesem Band behandelt wird, ist gut konstruiert und wird ebenso flüssig wie spannend erzählt. Es gibt einige Finessen und Wendungen, die das Geschehen lebendig halten, aber leider auch hier ein paar Stolpersteine. So sind einige Entwicklungen auch zu vorhersehbar und schlicht geraten, gerade die recht überschaubare Anzahl an potenziellen Tätern tut der Handlung nicht immer gut. Das Ende ist dann dennoch packend geraten und schließt den Roman gekonnt und unerwartet ab – zumal die drei Erzählstränge des Romans noch gekonnt zusammengeführt werden.

Der Auftakt der Romantrilogie ist insgesamt gelungen und weckt mein Interesse zu erfahren, wie das frühere Leben von Huldar war und wie sie zu der Person geworden ist, die hier dargestellt wird. Das ungewohnte Konzept steigert den Reiz dieses ersten Teils merklich, während die Charaktere noch differenzierter sein können und auch der Plot einige kleinere Schwächen offenbart. Ein unterhaltsames Werk, das aber eher im oberen Durchschnitt anzusiedeln ist.


Doktor Maxwells chaotischer Zeitkompass (Jodi Taylor)
 

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Madeleine Maxwell, von allen nur Max genannt, begleitet ihre Freundin Kal an ihrem letzten Tag am Institut für Zeitreisen, bei dem sie sich ihr Ziel selbst aussuchen konnte. Und so reisen die beiden ins viktorianische London, um Jack The Ripper zu treffen. Mit ihrer Ausbildung und den modernen Waffen fühlen sie sich sicher, haben aber nicht mit der Heimtücke des Prostituiertenmörders gerechnet. Nicht die einzige Herausforderung, die Max mit ihrem Team zu meistern hat – auch wenn sie plötzlich ganz allein dasteht…

Mit „Doktor Maxwells chaotischer Zeitkompass“ hat Jodi Taylor bereits den zweiten Band ihrer Zeitreise-Buchreihe geschrieben und bringt dabei – wie der Titel bereits andeutet – einige Neuerungen mit sich. So ist Hauptfigur Max nicht mehr nur eine Miss, sondern hat voller Stolz einen Doktortitel erlangt und muss sich auch schon bald als Leiterin des Instituts behaupten. Der rote Faden durch die Serie ist aber eher dünn, die Erzählung konzentriert sich vor allem auf die aktuellen Ereignisse und erzählt dabei wieder eher episodenhaft. Es gibt mehrere in sich abgeschlossene Abenteuer, die auch allein oder in einem anderen Band der Reihe funktionieren würden, es baut sich also kein Spannungsbogen über das gesamte Buch hinweg auf. Dieser kleine Kniff ist nur ein Merkmal des ungewöhnlichen Schreibstils der Autorin, auch die fast vollständige Fokussierung auf ihren Hauptcharakter und die oft stakkatohafte Berichterstattung zeichnen sie als sehr individuelle Autorin aus. Das ist durchaus erfrischend, manchmal aber auch etwas anstrengend zu lesen.

Wie auch schon der erste Band ist Nummer zwei nicht sonderlich tiefgründig oder logisch aufgebaut und will das auch gar nicht sein. Hier geht es ganz allein um den Spaß an der skurrilen Geschichte und die vielen sehr gelungenen Einfälle, die von großer Kreativität zeugen. Es macht Spaß, dies alles in recht komprimierter Form zu lesen, ich hätte mir an einigen Stellen jedoch eine bessere Einbettung in den historischen Kontext gewünscht – einerseits in Sachen Atmosphäre, die eine durchgängig moderne Wirkung hat, andererseits auch, um mehr über die jeweiligen Zeitsprünge zu erfahren. Ein wenig zusammengestückelt wirkt der Roman mal wieder, der Spaß leidet darunter nicht – seien es die flotten Sprüche, die Kontraste zwischen den Figuren oder ein kleiner Hang zum Slapstick.

Mir hat auch der zweite Band der Buchreihe sehr gut gefallen, der wieder mit vielen sehr starken Einfällen und einer herrlich skurrilen Szenerie punkten kann, leider aber auch die Schwächen des ersten Bandes nicht ausgleichen kann. So wirkt das Ganze manchmal etwas unausgegoren und zu sehr auf den witzigen Moment bedacht, eine Spur mehr Tiefgang hätte ich mir gewünscht. Dennoch: „Doktor Maxwells chaotischer Zeitkompass“ hat mir viel Spaß gemacht und ist sehr kurzweilig zu lesen.


Abgrund (Yrsa Sigurdardottir)
 

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Mitten in einer surrealen Landschaft aus erstarrter Lava wird Helgi auf einer alten Hinrichtungsstätte erhängt und ein Nagel durch seine Brust getrieben. Die ersten Ermittlungen laufen ins Leere, scheinen Freunde und Familie doch nichts Negatives berichten zu können. Doch als in der Wohnung des Ermordeten ein dreijähriges Kind aufgefunden wird, der sich an nichts erinnern kann, bekommt der Fall eine überraschende Wendung. Wieder müssen sich Kommissar Huldar und Psychologin Freyia zusammentun, um das Rätsel zu lösen…

Mir „Abgrund“ hat Yrsa Sigurdardottir bereits ihren vierten Roman um Huldar und Freyia geschrieben, und wie der Titel bereits andeutet, geht es dieses Mal noch etwas düsterer zu. Dafür wird in einer packenden Introszene um die Ermordung von Helgi direkt eine dichte Stimmung heraufbeschworen – sowohl was die Tat an sich angeht, aber auch die markante Landschaft wird sehr atmosphärisch beschrieben. Ein Element, dass auch hier wieder einen festen Platz im Romangefüge hat und so einen sehr individuellen Ausdruck erhält. Nach diesem sehr gelungenen Start geht es zwar etwas ruhiger und weniger temporeich weiter die Spannung wird aber konsequent hochgehalten, da immer neue Details über die Hintergründe des komplexen Falls auftauchen. Sehr gut gefällt mir, dass die einzelnen Elemente gar nicht so recht zusammenzupassen scheinen und man als Leser lange im Dunkeln tappt, wie alles zusammenhängen könnte. Das stellt sich später aber alles als sehr durchdacht und clever konstruiert heraus und man ist erstaunt, dass man die Zusammenhänge nicht vorhergesehen hat. Mich hat die Handlung vollkommen gepackt und nicht mehr losgelassen, ich musste mich ab und an zwingen, das Buch aus der Hand zu legen.

Vielleicht auch, weil die Charaktere wieder so gelungen beschrieben sind. Das Team um Freyia und Huldar wird weiter beleuchtet, ihr Schicksal und ihre Entwicklung weitergetrieben, auch neue Charaktere stoßen hinzu und sorgen für neuen Trubel und einige markante Auftritte. Ich mag, aber ebenso, dass die Figuren, die um den Fall erfunden wurden, ebenso viel Aufmerksamkeit bekommen und der Handlung ihre persönliche Note verleihen. Das nimmt alles nicht zu viel Raum ein, dass es den Fall an sich überdecken würde, sorgt aber für noch mehr dichte Stimmung und einen sehr unterhaltsamen Rahmen.

Die eher ruhige, aber sehr eindringliche Erzählweise ihrer Thriller hat Sigurdardottir in ihrem vierten Band um die beiden Hauptcharaktere noch einmal intensiviert, was mir sehr gefallen hat. Sehr spannend geschildert, mit vielen Rätseln ausgestattet und clever zusammengefügt ergibt sich langsam ein komplettes Bild des komplexen Falles. Sehr lesenswert und ein echter Pageturner!


Die glorreichen Sechs (Royce Buckingham)
 

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Prinz Casper hatte mit einer ebenso einfachen wie angesehenen Position am Hofe seiner Tante gerechnet. Doch stattdessen schickt sie ihn als Steuereintreiber durch ihr Königreich, was dem verwöhnten jungen schwer fällt – nicht nur wegen der Unannehmlichkeiten der Reise, sondern auch weil er sich bei seinen neuen Untergebenen erst Ansehen erarbeiten muss. Dabei lernt er mehr über das Land, seine Sitten und überraschenderweise auch seine Tante, die Königin…

Royce Buckingham hat mit „Die glorreichen Sechs“ einen neuen Fantasy-Roman verfasst, der wie schon „Die Klinge des Waldes“ in sich abgeschlossen ist und dem Leser ein komplett neues Setting bietet – mal eine Abwechslung zu den zahlreichen Mehrteilern. Unter 600 Seiten hat er dafür vorgesehen und schafft es, das Königreich, in dem Hauptfigur Prinz Casper lebt, sehr lebendig wirken zu lassen. Verschiedene Völker, unterschiedliche Landschaften, zahlreiche fremdartige Sitten und Gebräuche – das alles wirkt sehr lebendig und abwechslungsreich. Durch verschiedene Erzählstränge hat der Autor es auch geschafft, die sehr organisch einzubauen, doch an einigen Stellen hätte ich mir mehr Informationen zu einem bestimmten Aspekt gewünscht. Man merkt, wie liebevoll und detailreich er diese Welt gestaltet hat, wie umfangreich sie erdacht wurde, aber eben auch, dass an der einen oder anderen Stellen zugunsten der Handlung und einer nicht aus dem Ruder laufenden Seitenanzahl Details weggelassen werden mussten. Verständlich und nicht so ausgeprägt, den Roman nicht zu mögen, mein Wissensdurst ist aber nicht ganz gestillt.

Im Gegensatz dazu sind die Charaktere sehr gut ausgearbeitet und hinterlassen jeder seine eigenen Spuren in der Handlung – allen voran natürlich Prinz Casper, der sich vom verhätschelten und naiven Prinzen zu einem wahren Anführer und klug entscheidenden Mann entwickelt. Diese Wandlung ist gekonnt in die Gruppendynamik der titelgebenden „glorreichen Sechs“ eingebunden und schreitet mit ihr voran. Es ist sehr anschaulich geschildert, wie die Gruppe immer weiter zusammenwächst und Casper langsam integriert wird. Toll ist auch, wie der Humor funktioniert und man nach ernsten oder bedrohlichen Passagen wieder etwas zu lachen hatte – auch wenn dies anfangs etwas zu ausgeprägt ist, was auf Kosten der Handlung und des Tempos geht.

„Die glorreichen Sechs“ ist ein lebendiger und lesenswerter Roman, der mich mit seiner Charakterentwicklung, aber auch mit der Vielschichtigkeit der Welt und der clever erzählten Handlung überzeugt. Ein paar langatmige Passagen zu Beginn und eine gewisse Vorhersehbarkeit einiger Entwicklungen stören nur wenig, da auch immer mit viel Humor und Wortwitz für Stimmung gesorgt wird.


Die Traumdiebe (Cherie Dimaline)
 

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Nach einer großen Klimakatastrophe, die die Hälfte der Erdbevölkerung ausgelöscht hat, hat auch Frenchie seine Familie verloren. Er hat zwar in einer Gruppe von ganz unterschiedlichen Personen neuen Halt gefunden, wird aber wie die anderen auch gnadenlos von der kanadischen Regierung gejagt. Denn nur den indigenen Ureinwohnern der Wälder ist die Fähigkeit zu Träume geblieben, und nur durch ihr Knochenmark können die anderen Menschen diese Fähigkeit zurückerlangen...

Mit „Die Traumdiebe“ hat die kanadische Schriftstellerin Cherie Dimaline ihren Debütroman vorgelegt und dabei besonders in ihrem Heimatland für Aufsehen gesorgt. Auch hierzulande ist das Buch mittlerweile erschienen und bietet auch für mich einige vielversprechende Ansätze, auch wenn der ganz große Wurf für meinen Geschmack nicht gelungen ist. „Die Traumdiebe“ setzt dabei nur wenige Jahre nach der heutigen Zeit an, die zwischenzeitlichen Ereignisse um Klimawandel und Naturkatastrophen, aber auch die von Menschen geführten Kriege werden (leider) nur sehr kurz angerissen. So entsteht der Eindruck, dass die Idee mit der fehlenden Fähigkeit zu Träumen etwas aus der Luft gegriffen scheint, anders als bei ähnlich gelagerten Dystopien wird zumindest mir der Zusammenhang nicht ganz klar. Auch die Handlung wirkt nicht immer auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet, oft geht es einfach nur um die Flucht von Frenchie und seiner neuen Familie vor dem Zugriff der Regierung. Das sorgt zwar für einige spannende Momente, ist aber mit der Zeit ein wenig repetitiv geraten und bringt dann nur wenige neue Elemente mit ein.

Doch es gibt auch viele positive Aspekte von „Die Traumdiebe“. So hat mir besonders die sehr dichte und greifbare Atmosphäre des Romans sehr gut gefallen, man kann sich sehr gut in den Wald versetzen, in dem die Handlung zu großen Teilen spielt. Auch die Bedrohung für Frenchie und die anderen Charaktere ist immer greifbar, durch die Geschichten, die die anderen erzählen, wird auch stückchenweise die Idee mit den Träumen und der Rolle der indigenen Bevölkerung darin aufgedeckt. Während einige Figuren Statisten bleiben, beschreibt Dimaline andere ausführlich und greifbar, allen voran natürlich Ich-Erzähler Frenchie, aber auch andere Charaktere werden interessant geformt und mit einem präsenten Ausdruck versehen. Etwas schade fand ich, dass einige Ideen verpufft sind und nicht so recht zu einem Ende geführt werden. So gibt es aber auch noch genügend Lücken, die mit einer Fortsetzung des Romans gefüllt werden können.

„Die Traumdiebe“ wartet mit einigen reizvollen Ideen auf, führt aber leider nicht allesamt vollständig aus. So bleiben manche der durchaus interessanten Grundsätze recht blass, weil sich die Geschichte im Mittelteil nur wenig fortzubewegen scheint. Etwas mehr Tempo hätte dem Roman da gutgetan, die Atmosphäre ist aber sehr dicht und eindringlich geraten. Auch die Charaktere sind insgesamt gut ausgearbeitet. Der letzte Funke wollte bei mir dennoch leider nicht überspringen.


Sündengräber (Kristina Ohlsson)
 

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Der Tod eines Mannes, der den Ehering seiner Tochter am Finger trägt, wirft einige Fragen auf – nicht nur nach dem Schützen, der den Mord begangen hat. Federika Bergmann wird auf den Fall angesetzt, doch zunächst fehlt ihr noch die heiße Spur. Federikas Partner Alex Recht wird währenddessen von einem Bestatter um Hilfe gebeten, der verzweifelt auf der Suche nach seiner Familie ist. Nur langsam erkennen die beiden, dass beide Fälle zusammenhängen müssen...

Mit „Sündengräber“ schließt Kristina Ohlsson ihre Thriller-Reihe um Federika Bergmann ab – vorerst zumindest, denn das Ende ist nicht vollständig abschließend, sondern ermöglichen durchaus noch die Rückkehr zu den lieb gewonnenen Figuren. Und diese bekommen von der schwedischen Autorin auch wieder jede Menge Aufmerksamkeit geschenkt und werden mit einer großen Herausforderung in ihrem Privatleben konfrontiert. Und obwohl dies besonders im Mittelpunkt recht viel Raum einnimmt, wirken diese Passagen nicht störend, sondern fügen sich stimmig ein – insbesondere, wenn man die vorigen Teile der Buchreihe kennt. Mir gefällt, wie einem die Charaktere dabei noch näher rücken und man mit ihnen mitfiebert, was eine ganz neue Art von Spannung in den Roman mit einbringt. Der Fall an sich ist ebenfalls sehr dynamisch umgesetzt und bietet ein anfangs undurchsichtiges Geflecht, dessen Zusammenhänge sich erst nach und nach erschließen. Viele überraschende Erkenntnisse sorgen dabei für Abwechslung, manches wirkt dann aber doch eine Spur zu konstruiert und aufgesetzt. Und leider zerfranst die Geschichte auch mehr, als man es von der Autorin kennt. So werden einige Nebenschauplätze aufgemacht, die reizvoll wirken, aber schlussendlich nicht aufgelöst werden, was deren Wirkung leider verpuffen lässt.

Der Schreibstil von Kristina Ohlsson hat mir auch in „Sündengräber“ sehr gefallen, da er so nahbar und lebendig ist. Durch viele eingebaute Details werden die beschriebenen Szenen vor dem inneren Auge lebendig. Ähnliches gilt auch für die Charaktere: Federika und Alex bekommen neue Facetten verliehen und deutlich weiterentwickelt, die Nebenfiguren wirken präsent und haben eine individuelle Ausstrahlung, die die Stimmung des Romans gekonnt beeinflusst. Durch die kurzen Kapitel und den damit verbundenen vielen Szenenwechsel entsteht eine dynamische Stimmung, der Leser muss sich immer wieder auf neue Situationen einstellen. Die einzelnen Stränge lassen sich dabei aber gut verfolgen, sodass es nicht unübersichtlich wird.

„Sündengräber“ ist trotz kleinerer Kritikpunkte sehr lesenswert, nur die vielen Nebenschauplätze, die dann nur wenig zum Gesamtwerk beitragen, sind mir nicht ganz gelungen in Erinnerung geblieben. Der lebendige Schreibstil, ein geschickt zusammengesetzter Fall und lebendige Charaktere sorgen aber für eine spannende Handlung, die durch das Privatleben der beiden Hauptfiguren gekonnt ergänzt wird. Ein lesenswertes Buch, selbst wenn man die vorigen Teile der Reihe nicht kennt.


Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv (Jodi Taylor)
 

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Madeleine Maxwell – von allen schlicht „Max“ genannt – hatte sich ihr Dasein als Archäologin anders vorgestellt, definitiv abenteuerlicher und mit weniger staubigen Büchern. Als sie ein Angebot an St. Mary's Institut zu arbeiten, sieht sie trotz harter Arbeit die Chance, dem eher tristen Arbeitsalltag zu entkommen – ahnt aber noch nicht wirklich, was da alles auf die zukommt. Nicht nur in den Laboren, wo eigentlich immer irgendetwas schiefgeht, sondern auch auf den Zeitreisen, die Max bald antritt...

Es gibt Menschen, die erwarten von Büchern einen logisch durchdachten Plot, ein in sich stimmiges Gesamtkonzept und eine Stringenz in der Erzählweise. Diese werden mit dem Debütroman von Jodi Taylor nur wenig anfangen können. Denn „Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv“ ist alles andere als glattgebügelt und wirkt herrlich anarchisch – zugegeben hätte ein guter Lektor aber auch noch mehr aus dem Urban-Fantasy-Roman herausholen können. Beispielsweise, indem er nicht nur den Charakter der Hauptfigur betont hätte, sondern auch ihre Kollegen oder anderen Nebenfiguren mehr Raum gegeben hätte. Diese wirken nämlich ziemlich blass, sodass man keine wirkliche Bindung zu ihnen aufbauen konnte. Im Gegensatz hierzu Max, die mit viel Witz, Charme und einem Hauch zum Chaos sehr lebendig gestaltet ist. Ihr wunderbarer schwarzer Humor und die Fähigkeit, sich irgendwie aus den schwierigsten Situationen zu befreien, machen sie zu einem sehr gelungenen Zentrum der Handlung – umso mehr, da sie aus der Ich-Perspektive erzählt und dem Leser so noch näher rückt.

Die Handlung ist nicht gerade fortlaufend, sondern eher eine Aneinanderreihung von vielen Ideen der Autorin. Immer neue Situationen, zahlreiche einzelne Abenteuer, aber kein fortlaufendes Problem, das gelöst werden muss, kein Endgegner mit finsterem Plan, keine Bedrohung für die Menschheit. Das ist zugegeben gewöhnungsbedürftig, aber gerade deswegen ist der Roman auch so anders und bietet ein neues Leseerlebnis, das ausgetretene Pfade verlässt. Und die Atmosphäre ist sehr dicht und immer leicht, oft sogar stark skurril, was die Einzigartigkeit des Romans unterstreicht.

So gerne ich es auch würde, ich kann diesem Roman leider nicht die volle Punktzahl geben. Am fehlenden roten Faden liegt es nicht, ich fand es im Gegenteil sogar erfrischend, hier mal Abwechslung geboten zu kommen. Aber bis auf die wundervolle Hauptfigur konnte ich zu keinem Charakter eine Bindung aufbauen, dazu sind alle viel zu blass geblieben und bekommen kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dennoch ist „Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv“ lesenswert, skurril und äußerst charmant.


Sühne (Steffen Jacobsen)
 

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Krebs im Endstadium – die Diagnose für den Pharmaunternehmer Frank Linden weckt Gewissensbisse über Taten aus seiner Vergangenheit. Er entschließt sich, einige brisante Informationen an einen Journalisten auszugeben. Doch die Übergabe endet für beide Seiten tödlich. Michael Sander, der ein Freund des getöteten Journalisten war, will den Fall in Eigenregie lösen. Doch auch seine Frau, die Kommissarin Lene Jensen, wird auf den Fall angesetzt und stößt auf ein gut gehütetes Geheimnis...

Es ist bereits der fünfte Band, den Steffen Jacobsen mit „Sühne“ für seine beiden Protagonisten Lene Jensen und Michael Sander verfasst hat. Wieder kann das ungewöhnliche Ermittlerduo dabei überzeugen, umso mehr, da sie an verschiedenen Ansatzpunkten beginnen und der Fall so aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet wird. Das sorgt für viel Dynamik, zumal man durch die einzelnen Puzzleteile immer nur einen kleinen Teil der Informationen erhält, die erstmal zu einem sinnvollen Ganzen zusammengesetzt werden wollen. Da die Handlung jedoch stimmig aufgebaut ist, fällt es dem Leser leicht, dem Ganzen zu folgen. Dabei ist „Sühne“ durchaus komplex, viele Schichten an privaten wie beruflichen Ereignissen aus Frank Lindens Vergangenheit fügen sich dabei ineinander. Doch durch die klare Struktur und die prägnanten Szenen bleiben die vielen Informationen im Gedächtnis, zumal das Interesse schon früh durch einige gelungen gesetzte Reizpunkte geweckt wird. Die Handlung entwickelt sich dabei recht temporeich weiter, durch die Kürze der Kapitel und die vielen dynamischen Wechsel zwischen den verschiedenen Erzählebenen wird viel Spannung erzeugt, die sich durch das komplette Buch zieht und nicht nachlässt – auch, weil die Auflösung des Ganzen wirklich erst ganz am Ende präsentiert wird und der Leser zuvor höchsten Bruchstücke oder Teillösungen kannte.

Die Themenwahl sorgt dabei für zusätzliche Spannung, da die Vorgänge hinter den Kulissen der Pharmaindustrie näher beleuchtet werden – natürlich rein fiktiv, aber so realistisch geschildert, dass man sich alles sehr gut vorstellen kann. Die Geheimnisse, die dabei im Laufe der Zeit aufgedeckt werden, sind erschreckend, menschenverachtend und nur auf Profit erdacht. Das ist sicherlich ein wenig klischeebeladen, wird durch einige gelungene Ideen aber durchaus differenziert betrachtet. Dazu tragen auch die Charaktere bei – neben dem sehr gelungen konzipierten Duo aus Lene und Michael im Vordergrund sind es auch die Nebenrollen dieses Bandes, die für eine dichte Stimmung sorgen. Sehr interessant ist es auch, wie immer mehr Details über Frank Linden und sein Leben ans Licht kommen und sich auch von ihm ein lebendiges Bild formt.

„Sühne“ überzeugt nicht nur durch den gelungenen Spannungsaufbau und viele packende Szenen, sondern auch durch die interessante Themenwahl. Die düsteren Geheimnisse der modernen Pharmaindustrie, aber auch gelungen eingestreute Elemente aus dem Privatleben des Unternehmers fügen sich zu einem sehr stimmigen Ganzen zusammen. Ergänzt durch die dynamische Erzählweise mit den beiden unterschiedlichen, und doch eng verbundenen Hauptfiguren ist ein sehr lesenswerter Thriller entstanden, der auch nach dem Lesen noch einige Zeit nachhallt.


Wer zweimal stirbt (Leif Persson)
 

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Statt Pilzen findet der junge Pfadfinder Edvin bei einem Waldausflug einen Totenkopf. Geistesgegenwärtig nimmt er ihn mit und präsentiert ihm seinem Nachbarn Evert Backström, der als Kommissar bei der Stockholmer Polizei tätig ist und den Fall direkt übernimmt. Doch zunächst muss er natürlich erst einmal herausfinden, um wen es sich bei dem Opfer handelt – und schon dabei stößt er seinen Kollegen nicht nur einmal mit seiner arroganten Art vor den Kopf...

Mit „Wer zweimal stirbt“ hat der schwedische Autor Leif Persson bereits den vierten Roman seiner Krimi-Reihe um Ermittler Evert Backström veröffentlicht. Und ganz im Stile auch anderer Vertreter des skandinavischen Krimis ist seine Hauptfigur alles andere als ein klassischer Held, sondern im Gegenteil sogar reichlich unsympathisch. So ist er vollends von sich und seinem Können überzeugt, was er auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit seinen Mitmenschen präsentiert – und zugegeben ist er mit seinem Scharfsinn tatsächlich ein fähiger Ermittler. Doch auch seine rückständige Weltsicht, seine diskriminierenden Kommentare und sein unbestreitbares Alkoholproblem sprechen nicht gerade für seinen Charakter. Leider fällt es gerade deswegen schwer, eine Bindung zu der Figur aufzubauen, da er kaum in positiven Momenten gezeigt wird. Das ist sicherlich ein interessantes Stilmittel des Autors, der so den Fall differenzierter betrachten kann, hat bei mir an einigen Stellen aber die Freude an dem Buch merklich gemindert. Sprachlich ist der Roman allerdings gut und stilsicher geschrieben, besonders der fein eingebaute Wortwitz kann überzeugen.

Der Fall in diesem Roman geht nur von wenigen Indizien aus und baut sich dann immer weiter auf. Interessanterweise ist dabei der Start mit den geringen Hinweisen spannender geraten als der spätere Verlauf – vielleicht weil die Handlung dort mehr auf den Punkt gebracht ist. Persson neigt im Mittelteil zu zu langen Ausführungen, die nur wenige neue Informationen einbringen und auch die Figuren nicht prägnanter erscheinen lassen. Auch wird die Dynamik hier heruntergefahren, manche Abschnitte in dem Roman wirken eher starr. Doch am Ende fängt sich die Geschichte wieder und präsentiert dann ein spannendes und packendes Finale, das die gut durchdachten Hintergründe ebenso kurzweilig wie unterhaltsam aufdeckt. Und auch wenn man einige Teillösungen vorausahnen konnte, gibt es viele erstaunliche Überraschungen, die sich jedoch gut in das Gesamtbild einfügen.

„Wer zweimal stirbt“ kann von mir nicht uneingeschränkt empfohlen werden, dafür ist die Hauptperson zu unsympathisch, verlaufen manche Passagen zu starr. Doch zu Beginn und am Ende wird eine atmosphärische Spannung erzeugt, auch der Fall ist gut durchdacht und führt in einige überraschende Richtungen. Durch den gekonnten Schreibstil und den eingebauten Witz habe ich das Buch dennoch als lesenswert empfunden.


Die Chroniken von Alice - Finsternis im Wunderland (Christina Henry)

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Seitdem Alice mit 16 Jahren verschwunden und nach zwei Wochen blutüberströmt und völlig verwirrt wieder aufgetaucht ist, lebt sie in einer Irrenanstalt, kann sich selbst aber kaum an die damaligen Ereignisse erinnern. Nur ein weißes Kaninchen ist ihr in Erinnerung geblieben. Als ein Feuer ausbricht, nutzt sie gemeinsam mit ihrem Freund, dem Axtmörder Hatcher, die Gelegenheit zur Flucht und kehrt an den Ort ihres Verschwindens zurück – in das düstere Wunderland...

Zugegeben, völlig neu ist die Idee nicht, bekannte Werke der Kinder- und Jugendliteratur zu nehmen und diese in einen neuen, meist deutlich düsteren Kontext zu setzen. Christina Henry ist dieser Ansatz mit „Die Chroniken von Alice – Finsternis im Wunderland“ jedoch sehr lesenswert gelungen. Sie knöpft sich Lewis Carrols sowieso schon skurriles Werk vor, treibt seine Ideen auf die Spitze und fügt eine große Portion Splatter hinzu. Gewalt, Sex, düstere Bedrohungen – der Roman strotz nur so vor überhaupt nicht kindgerechten Themen und behält sich dennoch eine gewisse Märchenhaftigkeit bei. Diese Gratwanderung ist erstaunlich gut gelungen: Stets erkennt man noch die Grundzüge der aus der Kindheit lieb gewonnenen Geschichte und freut sich, die Charaktere wiederzutreffen, ist dann aber doch so abgestoßen von der Finsternis, der Bösartigkeit, die diese ausstrahlen. Die Stimmung ist dabei sehr dicht, und zumindest Alice und Hatcher bekomme dabei auch eine gewisse Tiefe verliehen. Ich mag den oft eher nüchternen Schreibstil der Autorin, der sehr gut zu diesem Roman passt und genügend Raum für viel düsterer Stimmung lässt.

Die Handlung entwickelt sich oft eher langsam weiter, daher bleibt genügend Raum, diese verdrehte Version des Wunderlandes zu erkunden und Freude an dem Schrecken zu finden, der dabei verbreitet wird. Sicherlich gibt es dabei auch Szenen, die mich nicht wirklich fesseln konnten, das ist aber glücklicherweise die Ausnahme gewesen. Zwar zieht sich dabei ein Bogen durch die gesamte Handlung, eine sich aufbauende Spannung konnte ich weniger ausmachen – der Roman lebt von dem Moment, in dem er gerade spielt. So wirkt dann auch der eigentliche Showdown eher wie eine weitere Episode auf Alice Weg, ohne zum wirklichen Höhepunkt des Romans zu werden.

„Die Chroniken von Alice – Finsternis im Wunderland“ ist ein sehr gelungener Vertreter seines Genres und übertritt einige Grenzen, die andere Varianten von Kinderbüchern nicht zu übertreten gewagt haben. Gerade die heftigen Gewaltszenen und die Verkommenheit der Welt fügen sehr interessante Facetten des Wunderlandes hinzu. Gepaart mit einer zwiespältigen Heldin und den reichhaltigen Ideen Carrols ist so ein lesenswerter und unterhaltsamer Roman entstanden.


Der Bär und die Nachtigall (Katherine Arden)
 

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Wasja wächst als jüngstes von fünf Geschwistern auf dem Hof ihres Vaters auf, nachdem ihre Mutter kurz nach ihrer Geburt verstorben ist. Ihre Brüder und Schwestern können aber ihre Wildheit und ihre Abenteuerlust kaum verstehen, sie lauschen lieber den Geschichten der Dienerin Dunja über die alte Märchen- und Sagenwelt. Wasja weiß aber mehr darüber als ihre Geschwister, denn nur sie kann die Geister sehen, die in den Weiten der Wälder, aber auch ganz nahe an ihrem Haus leben...

Auf dem Fantasy-Büchermarkt türmen sich die immer wieder gleichen Themen (wenn auch oft sehr gekonnt umgesetzt), sodass es schwierig ist, an etwas völlig Neues heranzukommen. In meinen Augen hat Katherine Arden jedoch genau dieses geschafft und mit ihrem Erstling „Der Bär und die Nachtigall“ einen Roman geschaffen, der mich mal wieder völlig fasziniert hat. Sofort zieht sie den Leser in die eigentümliche fremdartige Stimmung Russlands im 14. Jahrhundert hinein, beschreibt aber eben bei weitem nicht nur da harte alltägliche Leben, sondern konzentriert sich vor allem auf die reichhaltige Märchen- und Sagenwelt. Kenner der Materie werden auf zahlreiche Ideen treffen, die die Autorin daraus entliehen, aber zu einem sehr stimmigen Ganzen geformt hat. Das ist mystisch, märchenhaft und sehr atmosphärisch geraten, wofür sich Arden dann auch die entsprechende Zeit lässt. Hier überschlagen sich keine Handlungen, alles geht eher bedächtig voran, doch das ist so fesselnd und eingängig geraten, dass ich mich nicht in einer Zeile gelangweilt habe. Dafür sorgt auch ihr lebendiger Sprachstil auf hohem Niveau, die Texte wirken sehr geschliffen und durchdacht.

Die Handlung hangelt sich an Wasjas Leben entlang. Zunächst stehen noch andere Figuren im Fokus, Wasjas Kindheit, ihr Aufwachsen in der großen Bauernfamilie wird gekonnt beschrieben. Einige besonders einprägsame Erlebnisse bestimmen später auch ihr Handeln, ihr ganzes Wesen, was für den Leser sehr spannend zu lesen ist. Doch natürlich gibt es auch eine große Gefahr für Wasja und ihre Familie, und diese bringt dann auch einige sehr gruselige Momente mit ein, selbst wenn dieser Handlungsfaden erst spät richtig an Bedeutung gewinnt. Die Vielfalt an Charakteren ist schon etwas erschlagend, insbesondere da die Namen naturgemäß etwas fremdartig in unseren Ohren klingen. Doch durch den klaren Aufbau und die markante Wirkung der Figuren – jede mit ihrem ganz eigenen Hintergrund versehen – wirkt das Ganze gut verständlich, etwas Konzentration ist dabei aber durchaus gefordert.

„Der Bär und die Nachtigall“ verbindet russische Märchen, eine mysteriöse, fast schon sehnsuchtsvolle Stimmung und eine spannende Handlung miteinander, präsentiert bis ins Detail ausgearbeitete Charaktere und eine langsame, dafür umso fesselndere Geschichte. Ich konnte völlig in das Buch eintauchen und war fast ein wenig enttäuscht, als das Buch ausgelesen war. Doch da es sich um den ersten Teil einer Reihe handelt, darf man sich auf eine Rückkehr in die liebgewonnene Welt freuen.


Puppentod (Erik Axl Sund)
 

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Als in Stockholm ein Teenager von einem Balkon stürzt, wird zunächst von einem Selbstmord ausgegangen – tragisch, aber nicht weiter beachtlich. Doch der Ermittler Kevin Jonsson glaubt nicht daran und entdeckt, dass sich das Mädchen zuvor mit einem Unbekannten zum Sex verabredet hat. Die Spuren deuten auf einen Serientäter hin, und schließlich gerät Jonsson immer mehr unter Zeitdruck. Denn auch andere Teenager scheinen sich auf den „Puppenspieler“ eingelassen zu haben...

Auch in ihren vorigen Romanen hat das Autorenduo mit dem Pseudonym Erik Axl Sund keine leichte Kost vorgesetzt und explizite, brutale Gewalt dargestellt. Auch „Puppentod“ bildet davon keine Ausnahme, dennoch habe ich das Buch als noch heftiger wahrgenommen, da die Gewalt darin deutlich sexualisierter ist. Es geht um junge Frauen und Mädchen, die schlimmstes erleben müssen, völlig unter die Kontrolle von machthungrigen Männern geraten und ihr Leben lag mit den Folgen zu kämpfen haben – und das auf verschiedenste Weise. Das ist starker Tobak und an vielen Stellen kaum zu ertragen, stellt aber genau deswegen das Leid der Opfer umso lebendiger dar. Manche Schilderungen wirken dabei nüchtern, kühl, sodass dem Leser Raum für Abstand gegeben wird, andere Male wird eher angedeutet als direkt beschrieben – was die Sache oft nur schlimmer wirken lässt. Dabei ist aber auch nicht jede Formulierung, jeder Dialog stimmig, wirkte sprachlich manchmal nicht ganz ausgereift, der Lesefluss wurde dadurch zumindest für mich aber nicht allzu sehr gestört.

Die Handlung entwickelt sich oft nur langsam voran und legt dann Wert auf die Beschreibung der Situationen, die Gefühlswelt der Figuren, dann wiederum geht es sprunghaft voran, sodass man kaum mitkommt. Nicht alle Zusammenhänge wurden dabei klar beschrieben, das durchaus komplexe Geflecht war nicht immer leicht zu durchschauen, was das Verständnis jedoch eher erschwert hat, als dass es die Handlung vorangebracht hat. Spannung kommt dabei streckenweise durchaus auf, gerade gegen Ende zieht das Tempo noch einmal an. Viele Szenen haben jedoch eher die Wirkung eines Dramas. Eine interessante Mischung, die Genregrenzen verwischen zu lassen, und zu großen Teilen ist das auch gelungen.

Der Leser sollte sich hier auf ein heftiges Werk einstellen, dass mich auch nach dem Lesen noch weiterbeschäftigt hat – die erzeugten Bilder sind schon wuchtig, das muss man ertragen können. Die oftmals eher dramatischen Züge, dass allseits vorherrschende Gewaltthema, die vielen gut geschilderten Charaktere helfen über die eine oder andere konzeptionelle und inhaltliche Schwäche hinweg, sodass „Puppentod“ durchaus lesenswert ist. Stimmung und eine spannende Handlung miteinander, präsentiert bis ins Detail ausgearbeitete Charaktere und eine langsame, dafür umso fesselndere Geschichte. Ich konnte völlig in das Buch eintauchen und war fast ein wenig enttäuscht, als das Buch ausgelesen war. Doch da es sich um den ersten Teil einer Reihe handelt, darf man sich auf eine Rückkehr in die liebgewonnene Welt freuen.


Deine Angst ist erst der Anfang (Mariette Lindstein)
 

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Auch nachdem Sektenführer Franz Oswald aufgrund der Aussage von Sofia Baumann im Gefängnis gelandet ist, leidet die junge Frau unter Albträumen und Panikattacken. Schon bald fühlt sie sich auch im realen Leben bedroht. Doch schafft der skrupellose Mann es tatsächlich, aus dem Hintergrund, die Fäden weiter in der Hand zu halten? Sofia fasst einen radikalen Entschluss...

Wer dachte, im ersten Band "Es gibt kein Entkommen" aus der Reihe "Die Sekte" sei die Geschichte um Sofia Baumann zu Ende erzählt, der irrt gewaltig. Denn auch wenn die Verhaftung des Sektenführers theoretisch das Ende bedeuten könnte, legt Autorin Mariette Lindstein mit "Deine Angst ist erst der Anfang" eine sehr gelungene Fortsetzung vor. Nach einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse wird zunächst von Sofias Leben nach ViaTerra beschrieben, welche inneren Narben sie in ihrer Zeit davongetragen hat, wie sie immer noch unter dem psychischen Druck leidet. Das ist feinfühlig und psychologisch angehaucht erzählt, die Spannung hält sich dabei jedoch in Grenzen - das ist aber überhaupt nicht schlimm, da die Autorin hier so nahbar schreibt und den Lesern an den Ängsten ihrer Hauptfigur teilnehmen lässt. Das ist sehr eingängig geraten, zumal auch hier schon Andeutungen gemacht werden, wie groß der Einfluss des Inhaftierten immer noch ist.

Auf dessen perfides Spiel geht der Thriller in zweiten Teil näher ein und webt ein enges Netz um die beiden so konträren Hauptcharaktere. Die Attacken von Oswald sind mal subtil, werden aber immer heftiger und bedrohlicher, er beeinflusst Sofias Leben auf sehr präsente Weise. Es ist unglaublich packend zu lesen, wie der Kampf der beiden willensstarken Charaktere vorangetrieben wird, welche Dynamik sich trotz der räumlichen Trennung zwischen ihnen entwickelt. Dass dabei moderne Medien ihren Einfluss nehmen, ist umso gelungener, auch wenn Sofias Verhalten nicht immer nachvollziehbar ist. Oft läuft sie sehenden Auges in ihr Verderben, ohne aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt zu haben. Das tut dem Spannungsaufbau sicherlich gut, schadet aber zumindest in den Details der Glaubwürdigkeit. Dennoch ist der Verlauf packend, sehr gut geschrieben und mit einer immer bedrohlichen Stimmung versehen.

Zwar kann dieser zweite Teil nicht in allen Punkten mit dem Vorgänger mithalten, die Handlung ist dennoch packend, dramatisch und clever durchdacht erzählt. Es wird in vielen eingängigen Bildern von Sofias labiler Gefühlslage beschrieben, bis Oswald schließlich zum neuen Schlag gegen sein ehemaliges Mitglied ausholt. Beide Teile sind sehr lesenswert, sodass es Thriller entstanden ist, der nachhaltig im Gedächtnis bleibt.

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