Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte



Jacob Marley ist tot, seit sieben Jahren schon. Dennoch hat sein Geschäftspartner Ebenezer Scrooge den Namen noch nicht von den gemeinsamen Büroräumen entfernt. Stattdessen ist er für seine Mitmenschen gerade zur Weihnachtszeit keine Freude – sei es sein hart arbeitender Angestellter Bob Chratchit, sein Neffe Fred oder zwei Männer, die Spenden für die Armen sammeln. Doch seine Hartherzigkeit hat Konsequenzen: Der Geist von Jacob Marley erscheint ihm am Weihnachtsabend und warnt ihn vor einem solch verschlossenen Leben…

Normalerweise spielt das „Theater ex libris“ in Münster Live-Hörspiele vor Publikum, doch im Zuge der Kontaktbeschränkungen mussten auch Regisseur Christoph Tiemann und sein Team umsatteln und haben in einem professionellen Studio eine Aufnahme von „Charles‘ Dickens Weihnachtsgeschichte“ aufwendig eingespielt. Nun gibt es schon diverse sehr gute Umsetzungen der bekannten Vorlage, braucht es da noch eine weitere? Nach dem Hören muss ich sagen: Ja, diese Umsetzung hat es auf jeden Fall noch gebraucht! Nicht nur, weil den Beteiligten der Spaß an der Produktion deutlich anzuhören ist, sondern auch, weil noch einmal andere Aspekte der Geschichte betont werden. Ich habe selten eine Umsetzung gehört, in der das Auftauchen der Geister unheimlicher und eindringlicher geschildert ist. Der Gruselfaktor ist sehr hoch, aber auch die anderen Emotionen und Stimmungen, die die Geschichte transportiert, sind hervorragend inszeniert. Sehr gelungen ist auch die Idee der wechselnden Erzähler. Insbesondere im Intro, aber auch in der übrigen Handlung sind verschiedene Sprecher zu hören, was auch diese Texte agil, lebendig und ausdrucksstark wirken lässt – vor allem, wenn jeder nur wenige Wörter spricht. Die Dialoge und die sprachliche Verwendung wirken geschliffen und greifen den Geist der Vorlage gekonnt auf, bergen aber auch viele Eigenständigkeiten. Deswegen wirkt das Hörspiel auch dann noch unverbraucht und hörenswert, wenn man die Vorlage bereits kennt. Mit über eineinhalb Stunden Laufzeit ist die Länge der Umsetzung gut gewählt, die Szenen wirken allesamt lebendig und unterhaltsam, lassen sich aber auch genügend Zeit, um die Atmosphäre der Geschichte hervorzubringen. Das hat mir äußerst gut gefallen und hat viel Aufmerksamkeit verdient – auch weit über die Stadtgrenzen von Münster hinaus.

Natürlich sind die Schauspieler zu hören, die auch sonst im Live-Theater auftreten. Keiner der Namen kam mir dementsprechend aus anderen Hörspielen bekannt vor, aber jeder einzelne ist mit Leidenschaft und Professionalität dabei. Christoph Tiemann hat auch gleich die Hauptrolle des Ebenezer Scrooge übernommen und verleiht der Figur einen knarrigen, kalten Klang, doch auch die Wandlung des kaltherzigen Mannes wird durch ihn sehr treffend umgesetzt. Schön, dass auch die Angst und die Furcht in den passenden Momenten zur Geltung kommt – übrigens auch in seiner jüngeren Version. Johannes Casser ist als Scrooges Neffe Fred zu hören, seine freundliche und aufgeschlossene Art werden durch ihn gekonnt mit einer lebendigen Sprechweise betont, sodass ein überzeugender Charakter entstanden ist. Sarah Giese spricht unter anderem den Geist der vergangenen Weihnacht, ihre helle Stimme passt sehr gut zu der Rolle, wobei sie die sanfte Stimmung sehr gut darstellt, aber auch Melancholie oder spöttische Momente bekommt sie sehr gut hin. Und auch wenn es nur wenige Momente sind und der Name nicht der Rolle zugeordnet sind: Die hörbar sehr junge Sprecherin von Ebenezers Schwester Fanny vermittelt eine so unbändige und ehrliche Freude, dass ich es hier unbedingt erwähnen musste. Toll ist auch durchgängig die restliche Besetzung, unter anderem Alexander Rolfes, Urs-Adrian von Wulfen und Manuela Reiser.

Was hier auch akustisch auf die Beine gestellt wurde, ist wirklich beeindruckend geraten. Nicht nur der perfekte Schnitt der Stimmen, auch die eigens komponierte Musik sind sehr überzeugend. Ich mag die dynamischen Wechsel der Stimmungen, die mal hellen, mal unheimlichen Klänge, was das Flair der Geschichte unterstreicht. Und auch die reichhaltige Geräuschkulisse ist perfekt auf die Dialoge abgestimmt, sodass sehr viele sehr eindringliche Szenen entstanden sind.

Nicht zuletzt ist auch die Aufmachung der CD-Version beachtenswert liebevoll geraten. Das Cover wird von dem Foto eines Zylinders im Schnee geziert, während im Inneren und im beiliegenden Booklet einige Fotos der Sprecher zu sehen sind – in festlicher viktorianischer Kleidung vor passender Kulisse, die Großaufnahme von Ebenezer Scrooge mit markantem Gesichtsausdruck, aber auch von einer Live-Aufführung des Theaters. Ein einleitender Text im Booklet sowie die Auflistung der Beteiligten dürfen natürlich nicht fehlen. Und auch die CDs sind etwas Besonderes: Bedruckt wie Schallplatten machen auch sie ordentlich etwas her.

Fazit: Hier zeigt sich einmal mehr, dass auch abseits der bekannten Hörspielstudios Großartiges entstehen kann. „Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte“ ist in der Hörspielfassung von ex libris lebendig, vielseitig, gefühlsbetont und sehr hochwertig produziert. Die Sprache ist wunderschön, die Sprecher nicht nur leidenschaftlich, sondern auch sehr professionell, die akustische Begleitung sehr atmosphärisch und hochwertig. Grandios!

VÖ: 10. Dezember 2021
Label: Theater ex libris
Bestellnummer: Hier kaufbar
 

 

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