Phantastische Geschichten – 13. Der gestohlene Körper/Unter dem Messer



Eine anstehende Operation macht Hoyt eine Menge Sorgen, und das, obwohl es sich eigentlich um einen Routineeingriff handelt. Dennoch ist er davon überzeugt, die Behandlung nicht zu überleben. Seinen letzten Tag kann er kaum abwarten… („Unter dem Messer“)
Elaine Edwards, eine engagierte Wissenschaftlerin, experimentiert trotz Widerstand ihrer Kollegen mit Nahtoderfahrungen in einem Floating Tank, mit denen sie außerkörperliche Wahrnehmungen beweisen will. Doch der Versuch scheint außer Kontrolle zu geraten… („Der gestohlene Körper“)

Gleich zwei Geschichten sind auf der letzten Episode der zweiten Staffel der „Phantastischen Geschichten“ von Oliver Döring zu hören, wobei der Start mit „Unter dem Messer“ bereits als Download zum Start der Staffel erhältlich war.
Die Vorlage stammt von H.G. Wells, anders als sonst steht aber keine dynamische Handlung mit immer neuen Voraussetzungen an, sondern ist sehr monologisch und dreht sich in der ersten Hälfte um die Gewissheit zu sterben und damit verbundene Hoffnungslosigkeit, mit einigen philosophischen Gedanken: Was machst du mit dem Rest deiner Zeit, wenn der Sinn fehlt und sich nichts mehr lohnt? Das ist packend und dicht geraten, wobei auch dem Hörer klar ist, dass der Tod Hoyts unausweichlich ist, die Introszene lässt da keine Vermutung offen. Nach seinem Tod geht es mit einer sehr interessanten Episode mit seinem Nachtoderlebnis weiter, die sehr ungewöhnliche Gedankengänge zulässt, versucht den Tod begreiflich zu machen und lässt die Erde und das Leben aus einer ganz anderen Perspektive erleben. Beide Teile der kurzen Handlung gefallen mir gut, sind aber auch sehr still erzählt und bieten kein Hörspiel nach klassischer Idee – besonders im Vergleich zu anderen Produktionen von Döring. Und am Ende gibt es dann noch einen kleinen Dreh, eine sinnstiftende Idee, die so typisch für die Geschichten von Wells ist.
Danach geht es mit „Der gestohlene Körper“ mit einer ähnlichen Ästhetik weiter. Denn gleich zu Beginn erinnert sich die Wissenschaftlerin Elaine Edwards an den Tod ihres Vaters und einer ungewöhnlichen Begebenheit weiter. Und auch danach geht es um die Frage nach dem Leben nach dem Tod, wenn hier auch gewollt und mit wissenschaftlicher Komponente. Die Erzählweise ist deutlich lebendiger und dialoglastiger, aber auch sehr abwechslungsreich, da eine deutliche Wandlung von Elaine für einen krassen Umschwung sorgt. Es wird gewalttätig, obszön, aber auch geheimnisvoll. Lange ist nicht klar, was die Hintergründe der Geschichte sind, sodass es einige überraschende Wendungen gibt. Der Transport der Handlung in die heutige Zeit ist wieder sehr überzeugend gelungen und sorgt für zusätzlichen Druck – sehr gelungen!

Norman Matt übernimmt in „Unter dem Messer“ die langen, monologisch aufgebauten Erzähltexte mit viel Ausdruck in der Stimme, die von bitterer Enttäuschung, sanftem Erstaunen bis hin zu überwältigender Erkenntnis reicht. Sehr fein fügt er Facetten hinzu und baut somit einen gelungenen Bogen durch das Hörspiel auf. Rubina Nath ist als Elaine ebenfalls sehr überzeugend, ihre drängende Stimme setzt sie sehr dynamisch ein und sorgt so für sehr ausdrucksstarke Szenen, die die steigende Intensität des Hörspiels unterstreichen. Ihr Bruder und Kollege Maurice wird von Philipp Schepmann gesprochen, der ebenfalls eine sehr saubere und ausdrucksstarke Leistung abliefert. Weitere Sprecher sind Jaron Löwenberg, Frank Röth und Gordon Piedesack.

Der Soundtrack der beiden Episoden ist wie immer kinoreif und zeichnet die verschiedenen Stimmungen der beiden Hörspiele sehr gekonnt nach. Von den leisen, mystisch-sphärischen Hintergrundklängen von „Unter dem Messer“ bis hin zu einigen heftigen, actionreichen Szenen in „Der gestohlene Körper“ ist alles sehr dicht und abwechslungsreich umgesetzt – mal wieder hervorragend!

Bei der Covergestaltung hat man sich viel Mühe gegeben – für beide Hörspiele gibt es ein eigenständiges Titelbild. Die in violette Energie fallende Frau, eine durchscheinende Gestalt inmitten einer Sternengalaxie: Beides ist sehr treffend umgesetzt. Dazu gibt es Wendecover (übrigens auch für das Backcover) und voneinander getrennte Sprecherangaben.

Fazit: Diese CD zeigt mal wieder die Vielfalt von Produzent Oliver Döring, aber auch von Autor H.G. Wells, der ein ähnliches Thema auf ganz unterschiedliche Weise umsetzt. Ruhig, philosophisch, in sich gekehrt auf der einen Seite. Spannend, gewalttätig und überraschend auf der anderen Seite. Beides gefällt mir sehr gut und sorgt für eine sehr hörenswerte Episode der Reihe.

VÖ: 14. April 2022
Label: Imaga
Bestellnummer: 9783946207757

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