Im Westen nichts Neues



Kurz nach seinem Abitur meldet sich Paul Bäumer gemeinsam mit einigen Freunden zum Kriegsdienst – vorrangig wegen ihres Lehrers Kantorek, der mit seinen patriotischen Reden allerdings ein ganz anderes Bild von der Zeit an der Front mit seinen Schützengräben, dem Hunger und dem Tod gezeichnet hat. Und auch Paul muss schon bald einen harten Verlust hinnehmen…

Seit seinem ersten Erscheinen im Jahr 1928 hat sich „Im Westen nichts Neues“ zu einem wichtigen Antikriegsroman gewandelt und ist nicht nur wegen der bekannten Verfilmung immer noch ein wichtiger Teil der deutschen Literatur. Radio Bremen hat nun eine neue Umsetzung des Romans von Erich Maria Remarque produziert, die beim Audio Verlag auch in einer Version auf zwei CDs mit über 100 Minuten Laufzeit erschienen ist. Dabei wird – wie auch schon in der Vorlage – nicht sonderlich viel Wert auf eine fortlaufende Handlung gesetzt, selbst wenn natürlich durch die Erlebnisse an der Front ein roter Faden mit einigen Entwicklungen zu bemerken ist. Doch darin eingebunden sind viele Erinnerungen Pauls an die Zeit vor dem Krieg, Gedanken zu der Rolle des Menschen im Krieg oder ruhige Momente, die zwischenmenschliche Beziehungen näher beleuchten. Nicht alles lässt sich dabei sofort einer bestimmten Erzählebene zuordnen, fügt sich dann aber doch immer klar in das Konstrukt der Geschichte ein und hat dadurch seinen festen Platz im Gefüge des Romans. Dazu trägt auch bei, dass einige Wörter öfter wiederholt werden, Sätze zwischendurch unterbrochen und erst nach einigen Momenten fortgesetzt werden und sehr dichte Klangbilder entstehen. Immer intensiver wird die Auseinandersetzung mit dem Tod, immer heftiger werden die Szenen, immer mehr von dem Schrecken überträgt sich dabei auch auf den Hörer. Sehr gelungen, wie sich hier alles zusammenfügt, wie die Möglichkeiten des Mediums ausgenutzt werden und wie klar der Roman trotz einiger Kürzungen umgesetzt ist. Eine anspruchsvolle, aber auch sehr hörenswerte Produktion voller Kraft.

Die Sprecher sind hervorragend und lassen sich voll auf die heftige Szenerie ein, wobei Patrick Güldenberg als Paul Bäumer den weitaus größten Teil der Handlung umsetzt, da er nicht nur in den Dialogen zu hören ist, sondern auch die Erzähltexte übernimmt. Dabei spricht er einige Passagen sehr neutral und betont gerade dadurch die Kraft der Worte, legt in andere Momente aber auch viel Energie oder tiefgreifende Gefühle – von leiser Hoffnung über bittere Enttäuschung zu Desillusion. Er findet auch für die vielen Wortwiederholungen immer neue Betonungen und bringt dabei die Wirkung der Vorlage bestens zur Geltung. Aber auch Peter Jordan, Tino Mewes oder Matti Krause sind sehr überzeugend.

Akustisch wird alles andere als gewöhnliche Kost geboten, die verschiedenen Klangelemente fügen sich sehr gut ineinander – und davon gibt es viele. Neben klassischen Geräuschen in den Dialogszenen werden die Momente um das Kriegsgeschehen deutlich markanter, lauter und beeindruckender umgesetzt. Es gibt aber auch militärisch beeinflusste Musik, die sehr wohldosiert eingesetzt wurde. Interessant sind auch die Gedanken von Paul Bäumer, die mit verschiedenen Lautstärken spielen oder aus unterschiedlichen Boxen kommen, was sehr dynamisch wirkt.

Der Audio Verlag hat die beiden CDs in ein stabiles und ansehnlich gestaltetes Digipack verpackt, welches mit seinem schlicht roten Hintergrund direkt die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Als kleines Motiv in einer Ecke ein stilisierter kahler Wald zu sehen, von dem sich eine dichte Rauchwolke über das gesamte Cover ausbreitet – alles nur in Rot, Schwarz und Weiß. Das Innere ist nicht nur mit einigen Fotos, sondern auch einem Booklet mit vielen weiteren Informationen sehr gut ausgestattet.

Fazit: „Im Westen nichts Neues“ überzeugte bereits seit Generationen als Buch, nun ist auch diese hervorragende Hörspielumsetzung hinzugekommen. Die Kürzung des Textes hat der Aussagekraft nicht geschadet, im Gegenteil wurden durch die geschickt eingesetzten Möglichkeiten des Mediums eine sehr eindringliche Szenerie geschaffen, die den Schrecken des Krieges begreifbar macht, aber auch die Rolle jedes einzelnen darin beleuchtet. Sehr hörenswert!

VÖ: 21. August 2020
Label: Der Audio Verlag
Bestellnummer: 9783742416452

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