Das Gerücht (Lesley Cara)



Der Umzug von London in eine kleine Küstenstadt sollte für Joanna und ihren Sohn Alfie eigentlich Entschleunigung bringen, was zunächst auch gelingt. Schnell findet sie sich dort zurecht und hat Kontakt zu gleichgesinnten Frauen. Als sie dabei eher beiläufig von dem Gerücht erzählt, dass eine junge Frau, die in Kindheitstagen einen Jungen umgebracht haben soll, unter falscher Identität ebenfalls in der Stadt wohnt, sorgt sie zunächst für Erstaunen und Sorge – doch die Emotionen kochen immer weiter hoch, sodass das bislang friedliche Zusammenleben ernsthaft gefährdet wird…

Als Debutroman hat Lesley Cara „Das Gerücht“ veröffentlicht, eine sehr interessante Variante eines Thrillers. Das Hörbuch ist beim Audio Verlag erschienen und wird von Britta Steffenhagen gelesen, die die dichte Atmosphäre gekonnt aufgreift – und davon gibt es jede Menge. Zu Beginn der Handlung beschreibt die Autorin die idyllische Stimmung, das beschauliche Kleinstadtleben und die freundliche, zugewandte Art der Bewohner sehr treffend und stellt dabei wie nebenbei einige wichtige Charaktere vor. Zugegeben, hier wird etwas Zeit vertan, um den Hörer auf Spannung zu bringen, langatmig wird es aber wegen der flüssigen Erzählweise auch hier nicht – und die vermittelte Stimmung ist wichtig für den weiteren Verlauf. Denn ab dem Zeitpunkt, in dem das titelgebende „Gerücht“ um die junge Mörderin die Runde macht, zerbröckelt die Atmosphäre zusehends, es kommen Misstrauen und Verdächtigungen auf, so manche freundliche Fassade bröckelt dahin. Die Bewohner zeigen ihr wahres Gesicht, doch diese kleine Sozialstudie wird von Lesley Cara um einige sehr spannende Komponenten angereichert. Das verläuft zunähst eher subtil und hintergründig, nimmt aber im Laufe der Handlung immer mehr Raum ein und ist dann sehr präsent und fesselnd geraten. Ich mag sehr, dass es sich hier eben nicht um bereits vielfach bekannte Motive aus Thrillern handelt, sondern ganz neue Wege beschritten werden und eine ganz andersartige Szenerie beschrieben wird. Toll auch, wie gelungen und rund Cara die meisten Figuren zeichnet und ihnen komplexe und in sich stimmige Handlungsmuster verleiht, auch wenn manch ein Statist eher blass bleibt – die wirklich wichtigen Charaktere wurden sehr lebendig beschrieben. Ich mag auch das ansteigende Tempo des Romans und die vielen Facetten, die im Laufe der Zeit eingebaut werden, ebenso wie das eingängige Ende, das zwar in Teilen vorauszuahnen war, aber eben doch noch einige Überraschungen bietet.

Britta Steffenhagens ausdrucksstarke Stimme passt sehr gut zu dem Hörbuch, da sie die Stimmung der Handlung sehr gekonnt aufgreift und sehr facettenreich einsetzt. Dabei passt sie Tempo, Dramatik und Eindringlichkeit immer wieder an und geht dabei gut auf den Handlungsbogen des Romans ein, aber auch die Atmosphäre in der Kleinstadt wird durch Steffenhagen stimmig aufgegriffen, ebenso wie die Charaktere in der wörtlichen Rede lebendig wirken. Eine überzeugende Leistung, da die Spannung durchgängig hochgehalten wird.

Natürlich wurde das Titelbild der Romanvorlage auch für das Hörbuch genutzt, ein regnerischer Tag mit dunklem, wolkenverhangenem Himmel setzt dabei die Kleinstadtidylle mit den hübschen Häuschen in ein düsteres Licht, wobei auch der Strand und der Wiesenstreifen dorthin angedeutet werden. Ein Foto von Britta Steffenhagen auf der Rückseite ist ein kleines Extra in dem Digipack, welches die MP3-CD mit über acht Stunden Laufzeit enthält.

Fazit: Genüsslich entblättert die Autorin hier die Fassade einer Kleinstadt und erschüttert so das Bild, das zunächst gezeichnet wird. Hier startet der Roman zwar etwas verhalten, nimmt aber bald mehr Fahrt auf und wird dann richtig spannend. Der Fokus liegt dabei eher auf psychologischen und gruppendynamischen Prozessen und verleiht der Handlung eine ganz eigenständige Stimmung, sodass mir „Das Gerücht“ sehr gefallen hat.

VÖ: 21. Februar 2020
Label: Der Audio Verlag
Bestellnummer: 9783742411914

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