Oscar Wilde & Mycroft Holmes - 22. Die vierte Macht



Nur kurze Zeit nach dem letzten Besuch von Oscar Wilde bei einem Lustknaben wird dieser grausam getötet und verstümmelt aufgefunden. Während sich die Presse an der scheinbaren Rückkehr von Jack the Ripper weidet, erkennt Mycroft Holmes die Tragweite des Mordes, da in dem Etablissement zahlreiche hochrangige Mitglieder des Adels und des Unterhauses verkehren. Und so muss Wilde in dem Fall selbst ermitteln...

In „Die vierte Macht“ macht die Hörspielserie „Oscar Wilde & Mycroft Holmes“ eine Pause von der Rahmenhandlung um den Zirkel, der viele andere Teile bestimmt. Folge 22 kann allerdings für sich allein stehen und erzählt einen Fall, der zeitlich weitgehend unabhängig vom Rest funktioniert und theoretisch auch ohne Vorkenntnisse in der Serie funktioniert. In der Introszene wird nicht nur auf die Beziehung zwischen Oscar Wilde und dem käuflichen Lustknaben eingegangen, sondern auch einige Hintergrundinformationen angebracht, die den Fall von Anfang an geheimnisvoll wirken lassen. Tatsächlich häufen sich bald die Hinweise auf weitreichendere Verwicklungen, als der Mord an einem Prostituierten vermuten lassen würde. Der Bezug zu Jack the Ripper drängt sich dabei förmlich auf, wird aber nur als Aufhänger einiger Szenen gewählt, ohne das es die Handlung dominieren würde. Vielmehr geht es um den Machtkampf zwischen Mycroft Holmes und John Doyle, um Oscar Wilde, der selbst ins Fadenkreuz der Verdächtigungen gerät und um eine gesellschaftspolitische Intrige, der fest im viktorianischen Zeitalter verwurzelt ist. Das vielfältige Ambiente der Serie wird nicht in allen Registern gezogen, funktioniert aber dennoch prächtig und ist eine gelungene Kulisse für einen vielseitigen und durchaus spannend erzählten Fall, der manchmal jedoch eine Spur mehr Tempo vertragen hätte.

Sascha Rotermund ist natürlich wieder in der Rolle des Oscar Wilde zu hören und bietet eine sehr breite Palette an Emotionen - von liebestoll säuselnd bis hin zu süffisanten Kommentaren und spannenden Momenten ist er in jeder Szene sehr prägnant und überzeugend. John Doyle wird von Christian Rudolph gesprochen, der mit seinem harten, lauten Klang eine markante Figur schafft, die sehr gut in die Atmosphäre der Handlung passt und viele treffende Details einbaut. Thomas Nero Wolff spricht den zwielichtigen Alan Drake düster, rau und hinterhältig, was sehr passend wirkt und seinen Szenen einen sehr intensiven Ausdruck verleiht. Weitere Sprecher sind Rüdiger Schulski, Annina Braunmiller-Jest und Michael Pan.

Musikalisch wird dem Hörer solide Kost geboten, die viele Szenen sind mit stimmungsvollen Klängen untermalt und gut an die Handlung angepasst ist. Manche Zwischensequenz erscheint allerdings etwas zu lang. Die Geräusche, die passende Hintergründe für die Dialoge bilden oder die Handlungen der Charaktere verdeutlichen, sind ebenfalls gut angepasst und sorgen für eine passende Stimmung.

Eine düstere Londoner Gasse, spärlich von einer einzelnen Laterne beleuchtet, wodurch eher Schatten als Licht dominiert. Mittendrin ein Mann mit Stock und Zylinder in einem Gehrock - das Cover versprüht düsteren viktorianischen Zeitgeist, was durch die hübsche Optik mit den vielen Ornamenten unterstützt wird. Die restliche Gestaltung ist deutlich schlichter und bereits aus den vorigen Episoden bekannt.

Fazit: „Die vierte Macht“ ist ein gelungener Teil der Reihe, der mir mit seinen interessanten Grundlagen und vielfältigen Themen überzeugt. Der enge Bezug zu Oscar Wilde, der bissige Humor der Figuren und die spannende Handlung trösten über einige etwas lang geratene Szenen hinweg und sorgen für einen positiven Eindruck der Episode.

VÖ: 2. August 2019
Label: Maritim
Bestellnummer: 9783785759264

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