Die Maschine steht still



Wie auch der Rest der Menschheit lebt Vashati in einer kleinen Zelle im Inneren der Maschine, die sich unter der Oberfläche der Erde erstreckt. Die Kommunikation mit anderen Menschen erfolgt vor allem über ein gigantisches Datennetzwerk, sodass sie ihre Zelle seit der Geburt ihres mittlerweile erwachsenen Sohnes Kuno nicht mehr verlassen musste. Als dieser beginnt, die Maschine zu hinterfragen, kommen auch bei Vashati Zweifel auf...

Der Roman „Die Maschine steht still“ stammt aus dem Jahr 1908, das nun eine Hörspielversion des NDR von dem erst kürzlich wiederentdeckten Werk produziert wurde, ist also eher ungewöhnlich – der ganz große Erfolg ist dem Werk ja nicht gelungen. Doch der dystopische Ansatz der Handlung hat im heutigen Kontext noch einmal eine ganz andere Wirkung und ist in Zeiten immer größerer Digitalisierung aktueller denn je. Die Handlung ist zu Beginn noch sehr langsam und ließe sich in wenigen Worten zusammenfassen, dafür gibt es einen sehr intensiven Eindruck von der Maschine und Hauptfigur Vashanti, deren Emotionen die sich veränderten Bedingungen des menschlichen Lebens sehr deutlich machen. Der fast komplett eingestellte zwischenmenschliche Kontakt, die völlige Abhängigkeit von der Maschine und die sinkende Menschlichkeit sind in vielen erschreckenden Äußerungen dargestellt. Mit dem Aufeinandertreffen mit ihrem Sohn Kuno und seinen Berichten bekommt die Handlung noch einmal einen neuen Dreh und erlaubt einen weiteren Blick auf die düstere Szenerie. Hinter allem steht natürlich ein noch größerer Knackpunkt, eine Bedrohung, die ebenso in der langsamen und auf den Moment bedachten Erzählweise vermittelt wird. Die technisierte Sprache, der Verlust der Individualität und die merkwürdig emotionslosen Menschen sorgen für eine Distanz des Hörers zu den Charakteren, ob man mit ihnen mitfiebert, von ihnen angeekelt ist oder Mitleid empfindet, wird wohl sehr unterschiedlich wahrgenommen. Das Ende führt unweigerlich zu einem Punkt, den man schon vorher präsentiert bekommt (und ja auch schon im Titel angedeutet wird), was ihr jedoch nichts von ihrer Intensität nimmt. Der philosophische Ansatz, die ausdrucksstarke Wortwahl, die ungewöhnliche Szenerie - „Die Maschine steht still“ ist bei weitem keine Massenware, sondern eine aufrüttelnde Produktion, die einen sehr fremdartigen Ausdruck hat.

Susanne Sachse übernimmt als Vashati eine der wichtigsten Rollen der Handlung und macht den neuen Typus Menschen begreifbar, lässt Empörung und Distanziertheit herausklingen und lässt ihre abgeflachte Gefühlswelt gekonnt zur Geltung kommen. Ihr Sohn Kuno wird von Rafael Stachowiak gesprochen, der sehr eindringlich klingt und so die Szenerie des Hörspiels unterstreicht. Sein Bericht lässt den Schrecken der Handlung ebenso wie seine tiefe Enttäuschung aufleben. Als Erzähler ist Achim Buch zu hören, der sich auf die technisierte Ausdrucksweise des Hörspieles einlässt, aber auch kommentierend und beurteilend einen sehr guten Eindruck hinterlässt. Weitere Sprecher sind Susanne Reuter, Jörn Rüter und Josef Ostendorf.

Akustisch wird eine sehr beeindruckende Gestaltung geboten, eine stetige Geräuschkulisse vermittelt einen eingängigen Eindruck vom Leben in der Maschine. Auch die teils doppelten Stimmen und Verzerreffekte sind im Einsatz, was sehr vielfältig wirkt. Die Musik ist absolut ungewöhnlich und kombiniert mechanische Technoklänge mit hektischem Sprechgesang, andererseits aber auch harmonische Choralgesänge im Stil von Kirchenmusik. Das alles ist sehr eindringlich geraten und verpasst der Produktion einen sehr individuellen Klang, wodurch die Geschichte gekonnt unterstrichen wird.

Der Audio Verlag hat die CD-Version zu dem Hörspiel veröffentlicht und dazu ein stabiles Digipack gewählt, das auf dem Cover die vielen unterirdischen Waben mit kühlen Blautönen andeutet, während oben ein schmaler Bereich von einer stilisierten Sonne beherrscht wird - ein passenderes Cover hätte ich mir kaum vorstellen können. Im Inneren gibt es noch ein umfangreiches Booklet mit vielen weiteren Informationen und Fotos.

Fazit: „Die Maschine steht still“ ist keine leichte Kost, aber dennoch unbeschwert zu hören. Die Handlung ist auf ein Minimum eingedampft und konzentriert sich ganz auf den Moment, die Szenerie um die Maschine und das Leben in ihr. Dennoch ist ein hoch spannendes Werk entstanden, das die dystopischen Ansätze gekonnt betont und sehr eindringlich umgesetzt ist, wobei die überbordende Geräusch- und Musikkulisse sehr eigenständig wirkt. Ein künstlerisch wertvolles Hörspiel!

VÖ: 23. August 2019
Label: Der Audio Verlag
Bestellnummer: 9783742409737

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