Der goldene Handschuh



Jeden Abend verbringt Fiete in der Hamburger Kneipe „Der goldene Handschuh“, wo sich der Bodensatz der Hamburger Unterschicht sammelt und Fanta-Korn trinkt. Doch neben dem Alkohol ist Fiete auch den Frauen zugetan und lockt diese in seine verdreckte Wohnung, nur um sie dann zu schlagen, zu vergewaltigen und zu Sklavinnen zu machen...

„Der goldene Handschuh“ hat in seiner Verfilmung für Furore gesorgt, einige Jahre zuvor wurde der Roman von Heinz Strunk aber bereits vom NDR als Hörspiel umgesetzt, welches nun vom Audio Verlag auf CD veröffentlicht wurde. Für Zartbesaitete ist die Geschichte dabei übrigens nichts – explizite Gewaltdarstellung, derbe Sexszenen, ein Frauenbild voller Verachtung und Fäkalsprache vermischen sich und sorgen für zahlreiche Tabubrüche. Die Handlung wird dynamisch aufbereitet, die eigentlichen Szenen werden durch einen Erzähler und Schnipsel aus einer Gerichtsverhandlung ergänzt, es gibt ein paar Zeitsprünge und schnelle Wechsel. Doch es gibt auch recht lange Szenen, in denen der Zuhörer tief in den Charakter von Fiete eindringt, seine inneren Mechanismen erkundet und dabei einen abgewrackten Trümmerhaufen entdeckt. Dieser wird durch Szenen aus seiner Kindheit und Jugend erklärt, aber keinesfalls entschuldigt. Und auch der Umgang mit den richtig heftigen Gewaltdarstellungen ist gelungen: Es wird nicht an grausigen und frauenverachtenden Details gespart, aber in neutralem Tonfall darüber berichtet – der Hörer wird dadurch gezwungen, sich selbst sein Urteil zu bilden. Sympathieträger findet man hier nirgends, höchstens Mitleid wird mit den Opfern geweckt. Die Handlung ist nicht sonderlich ausgeprägt, sondern geht nur langsam voran, was den Blick auf psychologische Feinheiten erlaubt. Es bleibt ein sehr heftiger Eindruck, der noch durch die Erkenntnis verschärft wird, dass die Handlung auf wahren Begebenheiten basiert.

Das Sprecherensemble widmet sich dem anspruchsvollen Stoff mit Feingefühl und ohne Scheu vor unprätentiösen Figuren. Lars Rudolph steht als Fiete im Mittelpunkt und verleiht seiner Figur unglaublich viele Facetten – von seinen Gewalt- und Machtphantasien über die bodenlose Enttäuschung über das Leben bis hin zu seiner Gleichgültigkeit menschlichem Leben gegenüber ist das sehr packend und nuanciert geraten. Ulrike Krumbiegel ist als Gerda, eines seiner Opfer zu hören, auch sie spricht sehr detailreich, weckt aber auch keinerlei Sympathie für ihre Figur, was den Reiz des Hörspiels noch weiter erhöht. Christoph Romanek setzt mit scharfer, schneidender Stimme als Rechtsanwalt in der Gerichtsverhandlung ein deutliches Gegengewicht und kommentiert die Vorgänge mit viel Wucht. Weitere Sprecher sind Sebastian Rudolph, Katja Brügger und Elga Schütz.

Kontrastreich geht es bei der akustischen Umsetzung zu, die oft den Fokus ganz auf die Dialoge legt und lediglich einige passende Geräusche hinzufügt, dann aber auch bei den Szenen im goldenen Handschuh mit bekannten Schlagern der 70er Jahre für Abwechslung sorgt. Eine packende Herangehensweise, die die Wucht der Erzählung noch weiter unterstreicht.

„Dieses Hörspiel ist nur bedingt jugendfrei“ steht als Aufdruck auf der Rückseite des stabilen Digipacks, was meines Erachtens ziemlich tief gestapelt ist – als Film wäre zu Recht ein dicker „FSK 18“- Aufkleber vorhanden gewesen. Das Cover setzt das Motiv der Buchvorlage um und zeigt ein schwarz-weißes Porträt von Fiete auf rotem Untergrund, aus genau diesen drei Farben besteht auch die restliche Gestaltung, die noch ein Foto von Lars Rudolph bereithält.

Fazit: „Der goldene Handschuh“ wühlt tief in den Abgründen der menschlichen Seele, reiht eine Ungeheuerlichkeit an die nächste. Brutalste Gewalt, Abgestumpftheit und Allmachtsphantasien reihen sich aneinander, geben den Blick auf kaputte Seelen preis, was oft in einem überraschend neutralen Ton und dennoch sehr eindringlich geraten ist. Die Umsetzung als Hörspiel ist wegen der hervorragenden Sprecher bestens gelungen.

VÖ: 18. April 2019
Label: Der Audio Verlag
Bestellnummer: 9783742411877

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