Unterleuten - Das Hörspiel



Linda Franzen ist mit ihrem Partner Frederik Wachs aus der großen Stadt in das beschauliche Örtchen Unterleuten gezogen, musste allerdings vorerst ihren geliebten Hengst Bergamotte zurücklassen. Der Hof soll zu einem Gestüt ausgebaut werden, doch schon kurz nach der Ankunft wird ihnen der Umbau seitens der örtlichen Behörden verweigert. Als dann auch noch ein Windpark in dem brandenburgischen Dorf gebaut werden soll, beginnt die so heile Fassade der Bewohner immer weiter zu bröckeln...

Julie Zehs Roman „Unterleuten“, benannt nach dem Dorf, in dem die Handlung angesiedelt ist, hat sich über viele Wochen in den Bestseller-Listen gehalten und für Gesprächsstoff gesorgt. In Kooperation von rbb und NDR ist daraufhin ein Hörspiel nach dem Roman entstanden, der im Nachgang auch beim Hörverlag als Kauf-Version mit sechs CDs und einer Laufzeit von über fünf Stunden erschienen ist. Der Roman bildet das Leben in dem kleinen Dorf gekonnt ab, wobei einige Wandlungen der Strukturen und insbesondere der geplante Bau des Windkraftwerkes für den Antrieb sorgen. Wie es in Dörfern dieser Größe nun einmal ist, sind die Beziehungen untereinander komplex und vielschichtig, aktuelle Entwicklungen gründen auch hier nicht selten auf jahrzehntealte Ereignisse. Das wird hier sehr gekonnt dargestellt und in einer recht verschachtelten Erzählweise dargeboten. Dafür wird auch gesorgt, indem die Geschichte aus ganz verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Viele Charaktere werden in den Mittelpunkt gerückt, von jedem erfährt man häppchenweise Motivation und Hintergrund, natürlich nebst der aktuellen Handlung. Das ist gerade am Anfang etwas unübersichtlich, zumal hier auch kein Namensregister oder ähnliches beiliegt. Die recht häufige Wiederholung von Namen tut aber gut und sorgt mit der Zeit für ein besseres Verständnis. Diverse Intrigen, undurchsichtiges Gebaren und auch der Konflikt zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen sind unterhaltsam aufbereitet, wobei das Tempo recht schwankend ist – mal scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen, mal kostet die Autorin eine bestimmte Szene, eine Emotion oder ein Beziehungsgeflecht voll aus. Durch die vielen Perspektivwechsel, die eingebauten Rückblenden und die sich immer weiter aufheizende Stimmung ist das sehr dynamisch und unterhaltsam geraten, sodass „Unterleuten“ nicht nur wegen des sehr gelungenen Wortspiels im Titel überzeugt.

Hilmar Eichhorn ist in der Hörspielumsetzung als Rudolf Gambrowski zu hören und versucht erst gar nicht, dem unsympathischen Geschäftemacher mit seinem umtriebigen Verhalten positive Seiten abzugewinnen, sondern spricht ihn hart und abweisend, was einen sehr präsenten Eindruck der Figur hinterlässt. Sehr gut als sein Gegenspieler Kron ist Jaecki Schwarz besetzt, der mit markantem Auftritt und gekonnten Akzenten für viel Aufsehen sorgt. Axel Prahl konnte als Bodo Schaller gewonnen werden und beweist, dass er mit seiner Stimme sehr feinsinnig glaubhafte Stimmungen erzeugen kann. Weitere Sprecher sind Ulrike Krumbiegel, Boris Aljinovic und Tanja Wedhorn.

Musik wird hier recht sparsam eingesetzt und nur an sehr wenigen Stellen zur Steigerung der Stimmung eingesetzt, sodass dies von den Sprechern selbst sehr gelungen erledigt wird. Die Szenerien sind aber allesamt mit einer passenden Geräuschkulisse unterlegt und wirken so sehr realistisch und eingängig. Gut gefällt mir auch, dass die Sprecher in ihren kurzen Erzählpassagen einen leicht anderen Klang haben, sodass man diese gut von den Dialogen unterscheiden kann.

Die sechs CDs finden sich in einer dicken, aufklappbaren Pappbox wieder, die von dem Titelbild des Buches geziert wird und den seltenen Vogel aus Unterleuten porträtiert. Das beiliegende Booklet hat nicht nur Kurzbiografien zu zahlreichen Sprechern und Autorin Juie Zeh parat, sondern auch einige Fotos, die bei den Aufnahmen zum Hörspiel entstanden sind.

Fazit: „Unterleuten“ ist ein ungewöhnliches Hörspiel geworden. Der Einstieg fällt dabei durch die vielen handelnden Personen und das komplexe Beziehungsgeflecht nicht gerade leicht, das Dranbleiben lohnt sich aber. Denn die vielseitig eingebrachten Themen sind sehr gut miteinander verbunden und sorgen für einen sehr unterhaltsamen Verlauf mit vielen fein abgestimmten Winkelzügen und Wendungen. Sehr schön, dass mal nicht heile Dorfidylle gezeigt wird, sondern diese Fassade immer weiter bröckelt.

VÖ: 29. Oktober 2018
Label: Der Hörverlag
Bestellnummer: 978-3-8445-2980-7

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