Wer als Mädchen im Jahr 1940 in einem kleinen Dorf in Frankreich geboren ist, bekommt nicht nur die Nachkriegsjahre mit, sondern auch eine sich stetig wandelnde Gesellschaft. Und so berichtet die Schriftstellerin Annie Ernaux von ihrem eigenen Leben, von Sittsamkeit bis zur sexuellen Emanzipation, von Entbehrungen bis zum Überfluss, von Liebe, Enttäuschungen und dem Leben...

Mit „Die Jahre“ hat Annie Ernaux eine beachtliche Autobiografie verfasst, nicht aufgeräumt oder die Betonung auf einzelne Episoden legend, sondern bruchstückhaft, mit vielen Erinnerungen und Gefühlen beschreibt sie ihren Lebensweg. hr2 hat sich an dieses ungewöhnliche Buch herangewagt und eine sehr gelungene Hörumsetzung produziert, die nun auch beim Audio Verlag erschienen ist. Dort steht zwar „Hörspiel“ auf dem Cover, dennoch ist es eher eine Lesung – zwar von vier verschiedenen Sprecherinnen gelesen, es gibt aber eben keine klassischen Dialoge. Alle lesen gemeinsam den gleichen Text, mal fast wortweise einander abwechselnd, mal ist für einen ganzen Abschnitt nur eine Stimme zu hören. So entsteht ein Puzzle, das die Aufmerksamkeit immer wieder auf andere Aspekte legt. Dabei werden sehr private Momente aufgegriffen, der erste Sex, die Heirat, eine unglückliche Ehe, die Befreiung daraus. So setzt sich nach und nach ein komplettes Bild zusammen, das aber auch immer den Fokus auf gesellschaftliche Entwicklungen legt. Besonders gefällt es mir dabei, die Rolle der Frau zu erleben, die eine so starke Wandlung durchgemacht hat. Wie hatte sie sich zu verhalten, was ging wirklich in ihnen vor, wie hat sich die in den Jahren verändert. Die zeitliche Einordnung ist eher durch bestimmte Ereignisse geprägt denn durch die Nennung von Jahreszahlen. So dauert es vielleicht auch etwas, bis man sich an die ungewöhnliche Erzählweise gewöhnt hat und die Struktur durchschaut hat. Es erlaubt aber auch sehr intensive Momente, die sich sehr gut zusammenfügen und sehr lebendig erzählt wurden – eine hervorragende Produktion!

Corinna Harfouch, Nicole Heesters. Constanze Becker und Birte Schnöik – jede der vier Sprecherinnen hat einen ganz eigenen Stil, eine eigene Sprechweise und eine eigene Dynamik. Da wird mal sehr klar und fokussiert, mal nachdenklich, mal melancholisch gesprochen. So herrschen ganz verschiedene Stimmungen vor, was den Fokus immer wieder auf andere Aspekte des Romans lenkt. Die schnellen Wechsel zwischen den Sprecherinnen, die auch mal einzelne Wörter wiederholen, mag anfangs etwas sperrig wirken, ich habe mich jedoch schnell daran gewöhnt und konnte diesen cleveren Zug der Produzenten genießen.

Geräusche sind in dem Hörspiel nicht zu hören, dafür werden die Stimmen durchgängig durch Musik begleitet, die den experimentellen Anklang unterstützt. Fast durchgängig ist dabei ein Beat zu hören, der an das Ticken einer Uhr erinnert und so die verrinnende Zeit verdeutlicht, während mit ganz unterschiedlichen Instrumenten Melodien dazukommen. Das ist stimmungsvoll und dicht geraten, zumal die Wirkung der Sprecherinnen sehr gut unterstützt wird.

Das schwarz-weiße Foto der nachdenklich, aber besonnen wirkenden Annie Ernaux ist als Covermotiv ausgewählt worden, weitere Aufnahmen ergänzen im Inneren diesen positiven Eindruck. Das Booklet, welches sich neben der CD in dem hübschen Digipack befindet, ist gespickt mit vielen zusätzlichen Informationen und ist eine sehr gelungene Ergänzung zum Hörspiel selbst.

Fazit: „Die Jahre“ ist weder eine gewöhnliche Biografie noch ein gewöhnliches Hörspiel. In kleinen Sätzen und Kommentaren wird der Fortgang der Zeit, große und kleine Veränderungen und eine Frau mitten in gesellschaftlichen Wandel thematisiert. Das ist eindringlich und lebendig geraten, wobei auch die hervorragende Produktionsweise sehr gelungen ist.

VÖ: 31. Januar 2019
Label: Der Audio Verlag
Bestellnummer: 978-3-7424-1032-0

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