Sodom und Gomorrha



Marcel ist nach langer Zeit in die Kreise des Adels aufgestiegen und entdeckt, dass hinter der zurückhaltenden Kulisse zahlreiche Eskapaden vorherrschen – insbesondere auch zwischen Männern. Zunächst hat er große Freude daran, dem Treiben distanziert und analysierend zuzuschauen, doch als er sich in die faszinierende Albertine verliebt, wird auch er in diese lasterhafte Welt hineingezogen...

Das zentrale Werk des französischen Schriftstellers Marcel Proust in der siebenteilige Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, welchen er in einem Zeitraum über 14 Jahre schrieb und der mit fast 7.000 Seiten die eigene Sicht Prousts auf sein Leben beschreibt. Einen Teil daraus, „Sodom und Gomorrha“, wurde vom Hörverlag in Zusammenarbeit mit SWR und dem Deutschlandfunk nun als aufwendige Hörversion produziert, herausgekommen sind über fünf Stunden Laufzeit. Dabei sind die einzelnen Rollen zwar mit zahlreichen Sprechern besetzt, der Hauptteil wird jedoch von Michael Rotschopf als Ich-Erzähler getragen, sodass die Produktion stellenweise eher wie ein Hörbuch wirkt – zumal die wörtliche Rede bei dieser Rolle auch sehr zurückhaltend eingesetzt wird. Proust ist zudem nicht gerade dafür bekannt, leicht zugänglich zu sein, was sich auch hier bewahrheitet. Denn er legt nur wenig Wert auf eine temporeiche Handlung, sondern seziert eher genüsslich die Charaktere, breitet den Moment in allen Einzelheiten vor dem Hörer auf, setzt scheinbare Kleinigkeiten in den Mittelpunkt des Geschehens und schafft es so, den Blick hinter die Oberfläche, hinter den schönen Schein zu lenken. Das erfordert vom Hörer dann auch einiges an Durchhaltevermögen und Konzentration. denn trotz des langsamen Tempos fällt es überraschend schwer wieder in die Handlung zu finden, wenn man einmal den Faden verloren hat. Man muss offen für die langen Ausführungen sein, sich aufmerksam den präzise gewählten Worten widmen, in denen jede Silbe wichtige Bedeutung zu haben scheint. Dann aber bekommt man nicht nur ein umfassendes Bild der damaligen höheren Gesellschaft und den handelnden Charakteren, sondern wird auch mit der mal subtilen, mal offenkundigen erotischen Komponente konfrontiert, die nicht den Mittelpunkt der Handlung ist, sondern stets Mittel zum Zweck ist.

Michael Rotschopf trägt die Rolle des Marcel Proust mit einer präzisen und scharfkantigen Sprechweise vor, immer mit Würde, mit Volumen in der Stimme, sodass ein intensiver Eindruck entsteht. Er lenkt die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf den Kern des Romans, auf die genaue Beobachtung der Charaktere und nimmt sich dabei selbst keinesfalls aus. Lilith Stangenberg ist in der Rolle der Albertine zu hören und schafft eine sehr gekonnte Balance zwischen Ernsthaftigkeit und kecken Momenten, sie passt sich immer an die jeweilige Szenerie an und bringt ihre Rolle zum Strahlen. Gerd Wamling bringt den Aspekt der subtilen Erotik besonders gut zur Geltung, auch der Baron de Charlus bekommt durch ihn eine präsente Aura verliehen. Zahlreiche weitere starke Sprecher sind zu hören , unter ihnen Corinna Kirchhoff, Gabriele Heinz und Matthias Habich.

Ebenso aufwendig wie das umfangreiche Sprecherensemble ist auch die musikalische Umsetzung der Produktion geraten, die mit nicht weniger als 20 Musikern nebst Dirigent Pablo Druker besetzt ist. Da gibt es viele klassisch anmutende Momente mit kleinen, eingebauten Melodien, die einen Monolog oder sanft ein Gespräch untermalen, Szenen voneinander trennen und dabei die Stimmung unterstreichen. Doch es gibt auch ungewöhnliches zu hören, wie eine singende Säge oder eine neues Zusammenspiel der Instrumente, sodass auch experimentelle und sehr passende Momente entstehen.

Die fünf CDs lagern in einzelnen, dünnen Plastikhüllen in einer dicken, stabilen Klappbox, die sehr hübsch gestaltet ist und auf einem Grund die Nahaufnahme einer exotischen Blume zeigt. Der Star der Aufmachung ist jedoch das umfangreiche Booklet mit vielen Infos zu den Mitwirkenden und einigen einleitenden Worten – unter anderem auch, warum man sich hier für eine neue Übersetzung des Werkes entschieden hat.

Fazit: Sehr kleinteilig seziert Marcel Proust in seinem Werk die gehobene Gesellschaft mit ihren vielen kleinen und großen Geheimnissen, was einerseits einen scharfen Blick erlaubt, andererseits aber auch etwas mühsam sein kann. Die Sprecher sind großartig, die Inszenierung ist es ebenfalls, man braucht aber schon einen langen Atem, um sich ganz auf das komplexe und getragen erzählte Gesamtwerk einzulassen.

VÖ: 27. August 2018
Label: Der Hörverlag
Bestellnummer: 978-3-8445-2202-0

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