Tinnitus



Mit 16 feiert man auf dem Land hart, mit viel Alkohol und Drogen. Und während einer solchen begegnet Tim seinem Schwarm Lena an einer abgelegenen Stelle und vergewaltigt sie. Etwas mehr als vier Jahre später wird er aus dem Gefängnis entlassen, wo er seine Strafe verbüßt hat. Mühsam versucht er, sich an das Leben zu gewöhnen, plötzlich erwachsen und für sich selbst verantwortlich. Doch schon einige Tage später bekommt er Post von Lenas Anwalt – und will ein Treffen mit Tim...

Seit 15 Jahren hat die Lauscherlounge ein Alleinstellungsmerkmal in der Hörspiellandschaft ein (und erwähnt dieses Jubiläum am Ende dieser Produktion ganz unprätentiös, an dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch!). „Tinnitus“ aus der Feder von Max Benyo unterstreicht dies noch weiter und ist nicht nur in seiner Machart sehr besonders, sondern vor allem in der Themenwahl. Sehr realistisch wird hier eine Vergewaltigung beschrieben – nicht der Vorgang an sich, sondern die Umstände, wie es so weit kommen konnte, wie der eigentlich ganz vernünftige Tim zu so einer Tat fähig war. Dabei wird keinesfalls eine Entschuldigung gesucht, sondern einfach erzählt. Dass am Ende dieser Szene eben auch die Schreie und das Flehen von Lena zu hören ist, muss so sein, um die Dramatik der Situation klarzumachen, es hat mir mehr Schauer über den Rücken gejagt als so manches Gruselhörspiel. Viele Medien hören an dieser Stelle auf zu erzählen, beschreiben vielleicht noch die ersten Tage und Wochen nach der Tat. Tinnitus geht aber weiter und macht ganz bewusst eine Pause von vier Jahren, rückt also die Langzeitfolgen der Tat in den Mittelpunkt. Und zwar gar nicht mal so sehr die von Lena, die eher am Rande behandelt werden. Einblick in ihre Gedankenwelt bekommt der Hörer nur selten, aber genau das ist es, was das so intensiv wirken lässt: Sie ist zurückgezogen und lässt aber in kleinen Gesten, Kommentaren ihre wahren Gefühle durchblicken. Der Fokus liegt auf Tim, der sich nicht nur mit dem völlig neuen Leben nach dem Knast zurechtfinden muss, sondern auch mit den Folgen seiner Tat abfinden muss – nicht nur mit sich selbst, sondern gerade in den Schlusssequenzen auch mit seiner Umwelt. Auch hier: Keine Entschuldigungen, sondern eher viele Fragen, die aufgeworfen werden und nachdenklich stimmen. Die Themenvielfalt ist beeindruckend und sehr realistisch, der Erzählweise dicht, wobei es keinen Erzähler gibt, der durch die Handlung führt. So fällt es manchmal schwer, sich in einer neuen Szenerie zurechtzufinden, kaut dem Hörer aber auch nicht alles stückchenweise vor, sondern zwingt ihn zum Nach- und Mitdenken – ein ungewöhnliches Hörspiel, welches mich völlig gefesselt hat.

Jonathan Berlin ist in der Rolle des Tim zu hören, der diese anspruchsvolle Rolle mit Bravour meistert. Er fühlt sich völlig in die komplexe Gefühlswelt des jungen Mannes ein, agiert eher nüchtern, wie man es von dem Charakter nicht unbedingt erwartet und findet so seinen ganz anderen Zugang zu den Zuhörern. Auch Elisa Schlott macht ihre Sache als Lena hervorragend, macht Emotionen begreifbar, gerade weil sie sich manchmal zurücknimmt und die Kommentare knapp angebunden präsentiert. Vera Teltz ist als Kerstin Sattelmeier nicht direkt in die tief greifende Beziehung der beiden vorigen Charaktere eingebunden, setzt aber dennoch energische Kontraste und verleiht der Rahmenhandlung etwas mehr Kontur. Weitere Sprecher sind Cathlen Gawlich, Anian Zollner und Christian Koerner.

Dieses Hörspiel wurde nicht im Studio produziert, sondern in der direkten Kommunikation der Sprecher an den passenden Schauplätzen. Das lässt „Tinnitus“ sehr anders klingen als andere Hörspiele, nahbarer, unmittelbarer, ergreifender. Manchmal gibt es viele Sekunden lang nur atmosphärische Geräusche, die auch während der Dialoge sehr treffend eingebaut sind. Dabei gibt es auch viel Musik verschiedener Künstler, auch diese nicht künstlich hinzugefügt, sondern organisch eingebunden. Und es gibt eben auch immer wieder den „Tinnitus“ zu hören, der vielleicht eine kleine Idee davon entstehen lässt, wie es klingt, wenn man einen dauerhaften Ohrton hat.

Das Weiß, das als Grundfarbe der Gestaltung gewählt wurde, ist reinweiß, auf dem Cover ist ein verwischtes Foto eines jungen Mannes zu sehen, nur angedeutet von hinten, dazu klare, unaufgeregte Schrift. Dieses Konzept wird auch im Inneren fortgesetzt, wobei ein umfangreiches Booklet mit ein paar Hintergrundinformationen und vielen Fotos von den Aufnahmen enthalten ist – sehr gelungen.

Fazit: Mit „Tinnitus“ ist ein Hörspiel erschienen, welches einfach anders ist als die meisten anderen Produktionen. Die Themenwahl ist heftig und wird auch mit viel Wucht umgesetzt, die Gefühle werden nicht vor dem Hörer ausgebreitet, sondern wollen entdeckt und mitempfunden werden. Keine Entschuldigungen, keine Ausflüchte, kein Versuch, Schuld abzuwälzen, sondern interessante und realistische Gedanken, wie das Leben für alle weitergehen kann.

VÖ: 12. Oktober 2018
Label: Lauscherlounge
Bestellnummer: 978-3-9479-6601-1

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