Väter und Söhne



Im Jahr 1958 kehrt der Student Arkadij Kirsanow nach Hause zurück und wird von seiner Familie herzlich aufgenommen – ganz im Gegensatz zu seinem Kommilitonen Bazarow, den er zu Besuch mitgebracht hat. Insbesondere sein Vater stört sich an dessen Weltanschauung, die alles in Frage stellt, woran er glaubt. Doch bei seinem Aufenthalt gerät Bazarow nicht nur durch die vielen Diskussionen ins Grübeln, sondern auch durch die Begegnung mit der jungen Witwe Anna...

„Väter und Söhne“ gehört unzweifelhaft zu den wichtigsten russischen Gesellschaftsromanen, der seit 1861 Bestand hat und auch heute noch mit seiner sehr detaillierten Beschreibung des Generationenkonflikts. Der Hörverlag hat nun eine Audioversion des Klassikers veröffentlicht, die 1974 in Kooperation des bayrischen und saarländischen Rundfunks mit Starbesetzung produziert wurde. Der Verlauf der Handlung ist dabei – für diese Epoche üblich – recht langsam, die Dialoge stehen immer im Mittelpunkt. Sehr ausführlich erklären die Protagonisten dabei ihre Ansichten, diskutieren über die Gesellschaft, über Kunst und Wissenschaft. Gerade zu Anfang wird die Handlung dadurch geprägt, ein Großteil der ersten CD handelt auf dem Gut der Kirsanows. Sehr facettenreich wird dabei nicht nur herausgearbeitet, wie das russische Volk zu dieser Zeit gespaltet ist zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen dem eigenen kulturellen Erbe und der Anpassung an westliche Gepflogenheiten. Doch dahinter steckt eben noch mehr: Der ewige Konflikt zwischen Eltern und ihren Kindern, die sich aneinander aufreiben und ihre Lebensweise für die einzig wahre halten. Beides kommt sehr gut zur Geltung, sodass man die Charaktere im Laufe der Zeit sehr gut kennenlernt. Später nimmt die Handlung ein bisschen mehr Fahrt auf und konzentriert sich vor allem auf Bazarow und Arkadij, die mit Anna erstmals die Liebe kennenlernen – was so gar nicht in ihr bisheriges, nihilistisches Weltbild passen mag. Wie die beiden sich durch die Liason verändern, ist ebenfalls sehr intensiv umgesetzt und überzeugt mit vielen starken, bildhaften Sätzen.

Gerd Böckmann ist in der Rolle des Bazarow zu hören und setzt diese mit viel Energie um, sodass seine Sätze mit viel Überzeugungskraft und einer präsenten Aura zur Geltung kommen. Willi Kowalj arbeitet sehr gut heraus, dass seine Überzeugungen nicht ganz so stark ausgeprägt sind, er drückt die Bewunderung für seinen Kommilitonen und die Hingabe für Anna sehr gekonnt aus. Horst Tappert ergibt sich als traditionsbewusster Pawel in leidenschaftlichen Diskussionen, wobei seine traditionelle Sichtweise ebenfalls immer Platz findet. Weitere Sprecher sind Gert Westphal, Siegfried Lowitz und Mechthild Großmann.

Produktionen aus dem Jahr 1974 klingen natürlich ganz anders als moderne Hörspiele, der Klang ist jedoch gut und die Stimmen klar, wenn auch vielleicht etwas leiser als gewohnt. Eine Handvoll Geräusche setzen in einigen Dialogen Akzente, ebenso wie ab und an eine sanfte Klaviermelodie eingebaut ist. Die Dialoge stehen aber zu jeder Zeit im Vordergrund und stehen meist für sich allein.

Ein klassisches Ölgemälde ist für das Cover ausgewählt worden, welches tatsächlich den Flair des damaligen Russlands einfangen kann. Die beiden CDs finden sich in einem hübschen Digipack mit weiteren Fotos, Infos zu einigen Mitwirkenden, einer Kurzbiographie des Autors, einige Gedanken zum Stück selbst sowie einem Stammbaum der Hauptfiguren überzeugt.

Fazit: „Väter und Söhne“ zeigt in dieser sehr gelungenen Umsetzung, warum es einen Platz unter den bekanntesten russischen Werken gefunden hat. Nicht nur kommt die Stimmung der damaligen Zeit sehr gut zur Geltung, es werden viele gesellschaftliche Themen angesprochen, ebenso wie die Charaktere und ihre Konflikte sehr nahe beleuchtet werden. Sicherlich muss man sich auf die langsame Entwicklung einlassen, wird dann aber viele lohnenswerte Details entdecken.

VÖ: 3. September 2018
Label: Der Hörverlag
Bestellnummer: 978-3-8445-3012-4

Datenschutzerklärung