Die schwarze Serie – 11. Der Horla



Der junge Victome de Folieson sitzt in einer finsteren Arrestzelle, wartend auf sein Urteil. In einer weiteren Befragung geht es allerdings nicht um seine Schuld – die hat der französische Adelige längst eingestanden. Vielmehr interessiert sich ein Arzt für seinen Geisteszustand und will die Hintergründe kennenlernen. Hierfür setzt der Victome ausgerechnet an einem lauen Frühlingstag an...

Als Guy de Maupassant Ende des 19. Jahrhunderts seine Novelle „Der Horla“ verfasst hat, hat er wahrscheinlich nicht daran gedacht, dass diese über 140 Jahr später mal als Hörspiel umgesetzt werden würde. Doch genau dies ist nun in der elften Episode der „schwarzen Serie“ geschehen, was die hierzulande eher unbekannte Geschichte ein wenig bekannter macht. Völlig zu recht, denn die düstere Szenerie mit der bedrückenden Stimmung funktioniert hier prächtig. Die Rahmenhandlung mit der erneuten Befragung Foliesons ist dabei bei weitem nicht nur am Anfang eingesetzt, sondern blitzt immer wieder hervor, erlaubt zusätzliche Kommentare, sorgt an den richtigen Stellen für einen Anstieg des Tempos und bringt nicht zuletzt gleich zu Anfang die unheilvolle Atmosphäre zur Geltung. So betrachtet man auch die romantisch angehauchte Anfangsszene um die Zuneigung des Victomes zu seiner Cousine Natalie gleich mit anderen Augen und ahnt auch später bei scheinbar harmlosen Begebenheiten, dass dies noch wichtig für den dunklen Anklang sein wird. Es sind nur wenige Themen, die hier miteinander verknüpft werden, diese passen aber sehr gut zusammen und gewinnen mit längerer Laufzeit immer mehr an Intensität, beispielsweise die Idee der Hypnose und den psychischen Verfall des Protagonisten. Verbunden mit zahlreichen mystischen Elementen und der immer eindringlicheren Figur des Horla, dessen Geheimnis der Hörer langsam auf die Spur kommt, der aber auch eine starke symbolische Wirkung hat. Abgeschlossen wird das Ganze mit einigen dramatischen Wendungen auf den verschiedenen Erzählebenen. Eine sehr hörenswerte Inszenierung, die mit steigender Laufzeit mehr und mehr hinzugewinnt.

Eine ganze Reihe starker Stimmen ist hier zu hören, die Sprecherliste liest sich sehr prominent: Daniel Welbat, Volker Brandt oder Helmut Krauss sind zu hören, um nur einige zu nennen. Es ist aber besonders Torsten Michaelis in der Hauptrolle, der die Handlung so lebendig hält, in den verschiedenen Erzählebenen einen sehr unterschiedlichen und passenden Ton anschlägt und auch die Erzählparts mit Spannung versieht. Tommi Pipers markanter Klang ist hierzu als Jacques Amieux ein gekonnter Gegenpart, mit seiner ebenso ausdrucksstarken Stimme kann gegen Michaelis' starken Auftritt gut bestehen. Die wundervolle Annina Braunmiller-Jest sorgt mit ihrem zarten Klang in der Rolle der Natalie für die weibliche Seite in der Geschichte und gestaltet diese mit einem sehr präsenten Auftreten.

Auch akustisch ist der Handlung mit viel Wucht umgesetzt, viele Melodien unterstützen sie in ihrer Wirkung. Und geht es dann auch mal etwas lauter und dramatischer zu, was mir gut gefallen hat. Die Geräusche fügen sich dabei gut ein, sodass sich die Szenen mit der Befragung deutlich vom Rest abheben und alles greifbar und authentisch wirkt.

Mit dem Horla wurde eine sehr prägnante Figur geschaffen, die dann auch ihren Platz auf dem Cover völlig zu Recht verdient hat. Kauernd, deformiert, mit krallenartigen Fingern und einem stechenden Blick wird er zu einer eingängig dargestellten Spukgestaltung und dazu noch unheimlich von hinten beleuchtet – eine sehr ansprechende Gestaltung.

Fazit: „Die schwarze Serie“ hat hier eine weitere, hierzulande eher unbekannte Geschichte gefunden und spannend aufbereitet. Von der Figur des Horla geht eine sehr düstere, symbolhafte Ausstrahlung aus, durch die Erzählweise mit der unheilvollen Rahmenhandlung gewinnt das Hörspiel trotz seiner Länge an Dynamik. Eine sehr gelungene Produktion!

VÖ: 20. Juli 2018
Label: Maritim
Bestellnummer: 978-3-960661-65-8

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