Märchen-Klassik – Das Wirtshaus im Spessart / Das Märchen vom falschen Prinzen



Erster Eindruck: Zwei Erzählungen von Wilhelm Hauff

Der Weg durch einen dunklen Wald wird vom Goldschmied Felix in einem Wirtshaus unterbrochen, in dem er aus Angst vor einer Räuberbande Halt macht. Und tatsächlich überfallen diese bald die Herberge im Spessart, wollen aber nur die dort übernachtende Gräfin entführen... (Das Wirtshaus im Spessart)
Labakan ist mit seinem Leben als einfacher Schneider alles andere als glücklich, viel lieber möchte er als reicher Prinz dem Adel angehören. Bei einem Ausritt trifft er auf einen echten Prinzen, der von seinem Onkel erzogen wurde und nun nach Hause zurückkehrt... (Der falsche Prinz)

Gemeinsam mit der Zeitung „Die Zeit“ hat der kleine, aber engagierte Amor-Verlag eine Reihe von Märchen-Hörspielen vertont und diese mit klassischer Musik bekannter Komponisten unterlegt. Natürlich gibt es dabei die bekannten Geschichten der Brüder Grimm, aber eine CD widmet sich auch dem Autor Wilhelm Hauff. Den Anfang macht dabei „Das Wirtshaus im Spessart“, das zunächst mit der düsteren Stimmung im Wald und der Furcht vor der Räuberbande spielt. Schon bald schlägt diese Stimmung aber um, denn Felix gerät in die Gewalt der Räuber und ein unterhaltsames Verwirrspiel beginnt. Mit fast einer halben Stunde Laufzeit ist dieses Märchen eines der längsten der Reihe, dennoch wurde die Handlung durch den häufigen Einsatz eines Erzählers recht schnell vorangetrieben. Da dieser viele Dinge erzählt, statt dies in Dialogen zu tun, wirkt alles recht komprimiert. „Das Märchen vom falschen Prinzen“ ist bedient sich ebenfalls dem Motiv, dass sich jemand als andere Person ausgibt, hat aber einen ganz anderen Ausgangspunkt und eine ganz andere Szenerie. Interessant ist dabei, dass der Hörer hier eher einem Anti-Helden als Hauptfigur folgt, und auch ansonsten kann diese Produktion mit einer sehr eigenständigen Ästhetik überzeugen. Eine sehr gelungene Ausgabe der liebevollen Reihe.

Gerhard Fehn ist beim „Wirtshaus im Spessart“ als Erzähler im Einsatz und gestaltet seine Passagen recht kurzweilig. Er steigert dabei mit seiner akzentuiert eingesetzten Stimme noch die Spannung der Handlung und lässt immer viel von der vorherrschenden Stimmung mitschwingen. Diese Rolle übernimmt im „Märchen vom falschen Prinzen“ Antje Hamer, die eine etwas zurückhaltendere Sprechweise wählt, dabei aber eine sehr märchenhafte Atmosphäre schafft. Leider sind die weiteren Sprecher nicht ihren jeweiligen Rollen zugeordnet, gut gefallen hat mir aber zum Beispiel die Königin mit ihrer sanften und doch bestimmten Art. Luca Zamperoni, Marvon Thiede und Christian Bergmann sind ebenfalls zu hören.

Die Musik von Antonio Vivaldi wurde als Begleitung zum „Wirtshaus im Spessart“ ausgewählt, wobei unter anderem Stücke aus seinen bekannten „Die vier Jahreszeiten“ zu hören sind. Toll, wie sich diese Melodien mit der Geschichte verbinden und in ihrer Wirkung unterstützen. Johann Sebastian Bachs Werke untermalen „Das Märchen vom falschen Prinzen“ ebenfalls sehr lebendig und fügen sich harmonisch in die Handlung ein.

Die Räuberbande zieht auf dem Cover fröhlich musizierend und die Pistole schwingend in Richtung Wirtshaus, wobei das düstere Cover die nächtliche Szenerie im dichten Wald sehr gut trifft. Wie in den anderen Folgen auch ist ein ausführlicher Text zur Entstehung der klassischen Musik im dicken Booklet zu finden, nur leider war für die Zuteilung von Sprecher zu ihren Rollen kein Platz mehr.

Fazit: Die beiden Märchen von Wilhelm Hauff sind nicht nur spannend und kurzweilig erzählt, sondern brechen das Genre an einigen Stellen auf und binden ungewöhnliche Elemente mit ein. Gepaart mit der sehr gut eingebundenen klassischen Musik entstehen so tolle, sehr hörenswerte Hörspiele, die sicherlich nicht nur Kinder erfreuen werden.

VÖ: 11. Oktober 2017
Label: Amor Verlag
Bestellnummer: 978-3-947161-07-2