Gruselkabinett – 126. Kalte Luft



Erster Eindruck: Ein eisiger Hauch...

James Russel hat in New York endlich ein annehmbares möbliertes Zimmer gefunden, dass in einem hübschen, wenn auch etwas verwahrlosten Haus liegt. Der überraschend niedrige Preis weckt zwar sein Misstrauen, dennoch entscheidet er sich, bei der spanischen Vermieterin Senora Herrero einzuziehen. Als nur wenig später ein starker Ammoniakgeruch sein Zimmer durchdringt, macht er die Bekanntschaft seines Nachbarn, des geheimnisvollen Doktor Munoz'...

H.P. Lovecraft ist einer der festen Autoren, dessen Geschichten seit Jahren immer wieder im Gruselkabinett von Titania Medien auftauchen. Auch die 126. Folge stammt aus seiner Feder, dreht sich aber weniger um aufkeimenden Wahnsinn oder eine skurrile Szenerie, sondern hat einen ganz anderen Ansatzpunkt. In einer für die Serie typischen Introszene mit einem kleinen, stimmungsvollen Monolog der Hauptfigur geht es zunächst recht beschaulich zu, de Einzug von James in das alte Haus mitten in New York wird ausführlich beschrieben. Richtig los geht die Handlung erst, als Doktor Munoz kennenlernt und sich mit ihm anfreundet. Die kalte Luft, die in seinem Zimmer herrscht und durch aufwändige Technik erzeugt wird, ist der erste Stolperstein, bei dem der Hörer merkt, dass etwas nicht stimmt – und der wichtigste, wie schnell immer klarer wird. Immer wieder schleichen sich unheilvolle Anmerkungen ein, die sich im Laufe der Folge verdichten und zu einem dramatischen Finale führen. Es gibt keine wirkliche Handlung, die Folge konzentriert sich voll auf die Freundschaft der ungleichen Männer und das Geheimnis, das Doktor Munoz umgibt. Sehr gut gefallen hat mir, dass davon auch nicht alle Details aufgedeckt werden, sondern vieles im Dunkeln und Unklaren bleibt.

Es sind gerade einmal vier Sprecher, die für dieses Hörspiel notwendig sind, und allesamt machen ihre Sache ganz hervorragend. Allen voran Timmo Niesner, der die Hauptrolle des James Russell übernimmt und damit auch den Part des Erzählers übernimmt. Sein Klang nimmt dabei ganz unterschiedliche Farben an und zeichnet die Dynamik der Folge gut nach. Peter Weis ist als Doktor Munoz zu hören, mit rauer und kratziger Stimme lenkt er viel Aufmerksamkeit auf die Figur, toll auch die Dringlichkeit, die er am Ende an den Tag legt. Monica Bielenstein bringt die Vermieterin Senora Herrero mit glaubhaften spanischem Akzent und selbstbewusstem Auftreten, während Tim Raczko ihren Sohn locker und etwas rotzig wirken lässt.

Die Geschichte ist recht ruhig erzählt, sodass auch die akustische Umsetzung eher zurückhaltend klingt. Dabei wird viel Wert auf stimmungsvolle Melodien gelegt, die sich sehr gut um die Dialoge und Erzähltexte legt und dabei die Atmosphäre der Geschichte gekonnt einfängt. Da passt alles nahtlos ineinander und sorgt für das typische Feeling der Serie.

Es ist eine der letzten Szenen, die auf dem Cover dargestellt ist. James kippt darauf einen Eimer mit Eis auf seinen Freund, der in einer Wanne vor ihm liegt, das Gesicht stark gealtert und eingefallen. Der Zeichenstil von Ertugrul Edirne fängt auch diese Szenerie gekonnt ein, sodass ein weiteres Schmuckstück in der Covergalerie des Gruselkabinetts entstanden ist.

Fazit: „Kalte Luft“ punktet nicht durch Blutrünstigkeit oder eine temporeiche Handlung, sondern konzentriert sich voll auf die langsame Erweiterung des Geheimnisses, das der freundliche alte Mann verbirgt. Das ist sehr dicht umgesetzt und endet in einem intensiven Finale, welches glücklicherweise nicht alle Einzelheiten aufdeckt, sondern vieles im Verborgenen lässt.

VÖ: 29. September 2017
Label: Titania Medien
Bestellnummer: 978-3-7857-5558-7