Der Geheimagent



Erster Eindruck: Ruhige Umsetzung einer spannenden Geschichte

Adolf Verloc lebt im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein scheinbar ruhiges, beschauliches Leben mit seiner Frau Winnie und dem gemeinsam betriebenen Ladenlokal. Doch hinter der bürgerlichen Fassade ist Adolf ein Geheimagent, der sich allerdings eher als Beobachter sieht und nicht aktiv ins Geschehen eingreift. Das ändert sich, als er von seinem Auftraggeber einen brisanten Plan vorgelegt bekommt: Er selbst soll einen Anschlag verüben...

110 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung wurde „Der Geheimagent“ des britischen Schriftstellers Joseph Conrad nun als Hörspiel vom Audio Verlag umgesetzt – scheinbar eine ungewöhnliche Wahl, der der Autor mit polnischen Wurzeln hierzulande noch nicht die gleiche Popularität wie hinter dem Ärmelkanal. Und dennoch ist die Wahl eine sehr gute, denn der Roman ist nicht nur unterhaltsam geschrieben, sondern wirkt mit seiner Thematik auch ziemlich aktuell. Zunächst wird aber erst Hauptfigur Adolf Verloc vorgestellt, sein Leben, seine etwas lasche Haltung, was durchaus unterhaltsam gelungen ist. Doch nur kurz darauf wird auf das Thema des Anschlags eingegangen, und hier entwickeln sich die Charaktere dann schnell weiter. Dabei trifft Verloc noch weitere, moralisch zweifelhafte Entscheidungen – und natürlich geht bei dem Plan nicht alles glatt. So wird die Beziehung zwischen Verloc und seiner Frau stark erschüttert, was eine emotionale und sehr bewegende Komponente mit einbringt. Doch auch die politischen Aspekte sind sehr gut eingebaut und halten der Gesellschaft den Spiegel vor. Das alles bleibt in der Umsetzung sehr ruhig und fast schon etwas gleichförmig, nur selten wird die Dramatik der Handlung nach oben geschraubt. Hier hätte ich mir manchmal etwas mehr Druck gewünscht, doch auch in dieser ruhigen Umsetzung konnte mich „Der Geheimagent“ überzeugen.

Felix Vörtler ist in der Rolle des Adolf Verloc zu hören, seine Stimme nimmt hier sehr variable Ausdrücke an, sodass er in jeder Situation den passenden Ausdruck erzeugen und so eine sehr überzeigende Leistung abliefern kann. Die wunderbare Cathlen Gawlich spricht seine Frau Winnie zunächst noch sanft, fast zurückhaltend, kann später aber auch die aufgewühlte Emotionalität ihrer Figur sehr gekonnt aufgreifen. Peter Fricke ist als Erzähler im Einsatz und bringt viel Dynamik in seine Texte mit ein, die so lebendig und kurzweilig gestaltet sind. Weitere Sprecher sind Robert Dölle, Patrick Mölleken und Ralf Drexler.

Julia Komflaß ist für die Komposition der begleitenden Musik verantwortlich und hat es geschafft, die Atmosphäre des Romans aufzugreifen. Die Melodien umschmeicheln sanft die Dialoge und treten nur in den Szenenübergängen mehr in den Vordergrund, beeinflussen die Stimmung eher subtil. Auch die Geräusche sind sehr treffend eingefügt und lassen die Szenen lebendiger wirken.

Die beiden CDs dieser Produktion sind in einem stabilen Digipack untergebracht, das neben den üblichen Produktionsinformationen zwar keine weiteren Extras enthält, aber mit stimmungsvollen Fotografien ausgestattet ist. Diese sind wie das Titelbild in Orange eingefärbt und erhalten so eine sehr intensive Ausstrahlung.

Fazit: Die Umsetzung ist ziemlich ruhig geworden, was der spannenden Atmosphäre jedoch nur wenig nimmt. Die gut inszenierten Charaktere und die kurzweilige Handlung rund um einen Terroranschlag bieten viele reizvolle Momente, zumal auch die Perspektive eine interessante ist. Besonders das emotionale Ende konnte mich überzeugen.

VÖ: 10. Februar 2017
Label: Der Audio Verlag
Bestellnummer: 978-3-7424-0064-2