Auerhaus



Erster Eindruck: In der Mitte der Straße...

Kurz vor dem Abitur will der hochintelligente Frieder seinem Leben ein Ende setzen, der Suizidversuch gelingt jedoch nicht. Und so beschließen fünf seiner Freunde, mit ihm in ein verlassenes Bauernhaus zu ziehen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Gemeinsam stehen gegen alle Widrigkeiten zusammen, doch Frieder kommt von seinen düsteren Gedanken nicht immer los...

Es lohnt sich immer wieder, abseits der populären Serienproduktionen oder dem Umsetzungen von Bestsellern nach Hörspielumsetzungen zu suchen, denn oft wird man dabei mit ungewöhnlichen Produktionen belohnt – Auerhaus ist dafür ein perfektes Beispiel. Einfach, weil keine große Geschichte mit dramatisch inszenierten Wendungen erzählt wird, sondern eher eine Momentaufnahme. Ein Portrait von sechs Jugendlichen, die ihr Leben auf unkonventionelle Weise leben. Und eine sehr sensible und feinfühlige Darstellung einer psychischen Erkrankung, die unter die Haut geht und auch Außenstehenden die Tücken begreiflich machen. Es gibt Aufs und Abs, fröhliche und ungezwungene Momente, dann wieder ein tiefer Fall und die Sorge um einen Menschen, den man gern hat und dem man nicht so sehr helfen kann, wie man es gern möchte. Das ist sehr bewegend und dennoch sehr authentisch umgesetzt, da viele Themen angesprochen werden und die Charaktere so bald eine sehr eigenständige Ausstrahlung haben. Dabei konzentriert sich die Erzählung stark auf deren Zusammenleben, sodass der Hörer bald selbst ein Teil dieser Gemeinschaft ist – so sehr fiebert er mit und hofft auch bei dem eher düsteren Finale noch auf ein Happy End für die Protagonisten. Dieses wird dann unkonventionell aufgelöst, was das Hörspiel nur umso intensiver und hörenswerter macht.

Bei den Sprechern hat der produzierende Radiosender rbb nicht auf bekannte Stimmen gesetzt, sondern auf Newcomer, deren Klang dementsprechend bisher unbesetzt ist, so wirken sie frisch und unverbraucht. Christoph Letkowski ist in der Hauptrolle des Höppner zu hören, der auch für die Erzähltexte verantwortlich ist. Er spricht sehr locker und kann die Gefühlswelt des jungen Mannes dennoch sehr intensiv herüberbringen. Lisa Hrdina ist als Vera zu hören und bringt eine sehr eigene, mal charmante, mal etwas kratzbürstige Art mit ein. Wirklich begeistert hat mich Anton Weil als Frieder, der die so widersprüchliche Gefühlswelt seiner Figur und seine psychische Erkrankung sehr greifbar und erlebbar umsetzt. Weitere Sprecher sind Marthe Lola Deutschmann, Alina Stiegler und Maximilian Brauer.

Auch beid er akustischen Umsetzung geht das Hörspiel einen anderen Weg, als man ihn von anderen Produktionen kennt, und setzt einen bekannten Welthit ein, zunächst nur als instrumentales Riff, später auch mit Gesang. Es zieht sich als Leitmotiv durch die Handlung und ergänzt sich wunderbar mit der ansonsten eher auf Geräusche konzentrierten Umsetzung. Das ist in sich sehr stimmig und passt wunderbar zu der Handlung.

„Auerhaus“ steht nebst dem Namen des Autoren in orangenen Lettern auf weißem Grund, als einziges Motiv ist eine stilisierte Regenwolke im Einsatz. Das ist sehr reduziert, aber auch ansprechend umgesetzt – zumal erst im Laufe des Hörspiels der Titel auf äußerst charmante Weise erklärt wird. Die CD ist in einem stabilen Digipack untergebracht, das neben einem Foto von Christoph Letkowski auf der Rückseite und einigen Zitaten keine weiteren Extras enthält.

Fazit: Das Hörspiel versprüht so viel Charme, Lebensfreude und Eigenständigkeit, stellenweise auch viel Witz, dass der Fall in die düsteren Ecken der menschlichen Seele umso heftiger ausfällt. Es wird sehr sensibel mit dem schwierigen Thema einer psychischen Erkrankung umgegangen, sodass ein äußerst empfehlenswertes Hörspiel entstanden ist.

VÖ: 13. Januar 2017
Label: Der Audio Verlag
Bestellnummer: 978-3-86231-996-1