Abschied von den Eltern (Peter Weiss)



Erster Eindruck: Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich

Nach der Beerdigung seines Vaters analysiert Autor Peter Weiss gnadenlos die Beziehung zu seinen Eltern, die von Leistungsdruck und emotionaler Kälte geprägt war. Dabei geht er schonungslos mit ihnen ins Gericht und zeugt, welche Auswirkungen dies alles auf sein weiteres Leben hat. Doch auch mit sich selbst geht Weiss nicht gerade zimperlich um…

Mit „Abschied von den Eltern“ hat der Potsdamer Autor Peter Weiss eines seiner bedeutendsten Werke geschaffen, seine autobiographische Collage aus verschiedenen Kindheitserinnerungen hallt auch heute noch in vielen Köpfen nach. Es grenzt schon an Wagemut, dieses Buch in einer Hörversion umzusetzen, denn einer gängigen Konvention folgt es nicht. Dennoch hat genau dies der Hörverlag aber gemacht und den populären Schauspieler Robert Stadlober vor das Mikrofon geholt. Zugegeben, es fällt nicht immer einfach, den Zugang zum Hörbuch zu erlangen, die komplexe Gefühlssituation ist dann aber doch so nahe, so eindringlich und mit dennoch einfacher, klarer Sprache umgesetzt, dass man sich dem kaum entziehen kann. Weiss schildert hier ganz verschiedene Situationen und setzt diese collagenhaft zusammen, manchmal haben diese keinen konkreten Zusammenhang. Die Gefühle werden dabei oft außen vor gelassen, nur schlichte Sinneseindrücke geschildert, die Emotion entsteht dabei aus dem Hörer selbst und wird nicht vorgegeben. Die ruhige Ausstrahlung und der flüssige Ablauf mit kaum einer klaren Abtrennung lädt zum sehr langen Lauschen ein, sodass man immer mehr mit dem Autor zu verschmelzen scheint, immer weiter in dessen Realität eintaucht. Ein sehr eindringliches Werk, dass hier gekonnt umgesetzt wurde und voller Emotion steckt, den Hörer fesselt und völlig vereinnahmt.

Wie oben bereits erwähnt ist es Robert Stadlober, der diesen Bericht mit Leben füllt. Interessanterweise geschieht dies gerade dadurch, dass er sich sehr zurücknimmt und die Schilderungen von Weiss für sich wirken lässt. Dies harmoniert sehr gut mit der ebenfalls meist nur beobachtenden Schreibweise des Autors. Stadlobers ruhige, intensive Stimme nimmt hier einen sehr klaren, angenehmen Klang an und kann damit den Hörer schnell für sich einnehmen.

Die akustische Umsetzung für das so außergewöhnliche Werk beschreitet auch wieder sehr eigene Wege. Die Musik stammt von The Notwist und wirkt recht experimentell und speziell, kann dabei mit atmosphärischen Klängen üb erzeugen. Dabei ist sie mal minutenlang nicht zu hören, um dann an anderer Stelle die Intensität des Moments aufzugreifen und recht laut gestellt zu sein. Geräusche sind hier nicht vorhanden, dafür wurde Stadlobers Stimme stellenweise mit interessanten Effekten belegt.

Auf dem Cover ist ein Foto in schwarz-weiß zu sehen, auf dem Sprecher Robert Stadtlober intensiv in die Kamera blickt. In hellem blau setzt sich der Titel des Hörspiels von der düsteren Gestaltung ab. Dieser Farbton wird auch im Inneren des stabilen Digipacks aufgegriffen. Das umfangreiche Booklet enthält nicht nur lesenswerte Einführungstexte über Abschied von den Eltern, sondern auch acht Collagen von Peter Weiss zum Thema der Handlung. Auch kurze Informationen zu einigen Mitwirkenden sind hier zu finden.

Fazit: Die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern ist hier mit teilweise recht nüchternen, aber eindringlichen Bildern geschildert und überlässt das Erzeugen von Emotionen größtenteils dem Hörer. Die gelungene Interpretation von Stadlober in Kombination mit der gut eingefügten Musik sorgt für ein sehr intensives und außergewöhnliches Hörerlebnis.

VÖ: 2.September 2013
Label: Der Hörverlag
Bestellnummer: 978-3-8445-1121-5